Kantatenmarathon mit Sir John Eliot Gardiner

English Baroque Soloists und Monteverdi Choir in der Dresdner Frauenkirche

Gleich vier Kantaten Johann Sebastian Bachs hatte Sir John Eliot Gardiner am zweiten Tag der Dresdner Musikfestspiele mitgebracht. Mit seinem Monteverdi Choir und den English Barock Soloists ist er noch bis in den Juni mit einem Projekt »Kantaten-Ring« unterwegs, zu dem insgesamt 30 geistliche Werke in europäischen Städten wie Amsterdam, Wien, Budapest oder Bologna aufgeführt werden. Einen Ausschnitt daraus bzw. ein Segment dieses Ringes (BWV 70, 12, 78 und 140) gab es am Freitagabend in der Frauenkirche zu erleben.

Gardiner zeigte sich dabei als detailversessener Dirigent, der jeder Zeile und jeder Begleitstimme Beachtung schenkt, jede Phrase ausformuliert und jede Wendung mit Bedacht setzt. Da durfte man sich nicht nur freuen, daß Chor und Orchester im akustisch glücklicheren Zentrum des Kirchenschiffes musizierten, auch die Solisten nahmen je nach Stück und Szene eine entsprechende Position ein. Oboe und Trompete konnten die prächtigen Eingangschöre an den Außenseiten flankieren oder als Echo von hinten (bzw. ganz hinten) die Arien oder Choräle begleiten. Auf diese Weise ergaben sich sinnig-sinnliche Momente, etwa im Schlußchoral von »Wachet! Betet! Betet! Wachet!« (BWV 70) oder – noch stärker – in der Arie »Sei getreu, alle Pein« der nachfolgenden Kantate »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« (BWV 12), zu der die Trompete kommentierend den Choral »Was Gott tut, das ist wohlgetan« aufnimmt. Doch schon die Sinfoniettas und Eingangschöre wären mit ihrer Fülle an Pracht und Farbenreichtum ein Konzerterlebnis für sich gewesen!

Das effektvolle Ausleuchten der Zeilen, die Fülle der Affekte wirkte allerdings ein wenig akademisch und bewußt gesetzt (fast hätte man meinen können, die in das Baß-Rezitativ in BWV 140 hineinklingenden Glocken seien beabsichtigt gewesen – es war aber nur der Neun-Uhr-Schlag), so daß man sich hier und da etwas mehr Freiheit gewünscht hätte und mehr natürliche Musikantität.

Der Monteverdi Choir hat viele Solisten in seinen Reihen, die für die Arien und dramatisch gestalteten Rezitative jeweils hervortraten. Baßbariton Matthew Brook fiel besonders durch gestalterische Kraft auf, Ruairi Brown (Tenor) wiederum beeindruckte mit Melodiösität schon in den Rezitativen. Übertroffen wurden sie noch vom Countertenor Reginald Mobley, welcher die Alt-Partien übernommen hatte und mit Himmelsklang ebenso wie mit klarer Diktion überzeugte – wahrhaft schwebend und leicht gelangen ihm Arien wie »Kreuz und Krone sind verbunden«. Berückend, wie sich diese Stimme mühelos über das Orchester erhob! Ähnlich beeindruckend war Sopranistin Mary Bevan, die ihre Partien allerdings schon fast opernhaft gestaltete.

Für jede der Kantaten und Arien standen in der Tat individuelle Solisten zur Verfügung, was ebenso zur szenischen Betonung mancher Passagen beitrug. Dies gelang nicht zuletzt gerade dann gewinnend, wenn Instrumentalsolisten die jeweiligen Sänger schlank, aber berührend begleiteten (vor allem die Bläser beeindruckten bis zum Fagott!) – selbst der Basso continuo war von ansteckender Vitalität.

Zu den vielen gestalterischen Mitteln, die Gardiner nutzte, um die Kantaten zu »schärfen« und die Musik auf den Text zu fokussieren, gehörten die dynamischen Wechsel in Tempi und Lautstärke. Immerhin berichten die Kantaten von Verzagtheit, jüngstem Gericht, Hoffnung und Erwachen – Bach hatte also ganz sicher auf manche Wendung und Aha-Momente abgezielt, wie in Kantate 140 (»Wachet auf, ruft uns die Stimme«), deren Erwachen bereits vom Eingangschor mit eindrucksvollen Aufwärtsspiralen herbeigesungen wird. Solche Momente stellten sich bei den Zuhörern gleich vielfach ein.

12. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

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