Wien – München – Schottland

Carlo Goldstein schöpfte aus dem Farbenreichtum der Kapelle

Vor zwei Jahren war Carlo Goldstein bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch zu erleben gewesen. Dort hinterließ er offenbar einen nachhaltigen Eindruck, denn zum 3. Aufführungsabend hatte ihn die Sächsische Staatskapelle erneut eingeladen – am Montagabend debütierte der Italiener nun im Haus der Semperoper. Musik des zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahrhunderts ist oft ein »Einstieg« für junge Dirigenten, und so wunderte es nicht, daß mit Arnold Schönbergs Kammersinfonie E-Dur ein solches Werk auf den Pulten lag, doch mit Carl Maria von Webers Fagottkonzert und Felix Mendelssohns »Schottischer Sinfonie« zeigte sich Carlo Goldstein auch klassisch und romantisch.

Schönbergs Opus 9 ist ein feingliedriges Werk und kommt einer lebhaften Diskussion nahe. Zu diesem Miteinander paßte, daß der Dirigent die Bühne gleich mit den Orchestermusikern und ohne Extraapplaus betrat. Luftig, leicht gestaltete er die Sinfonie, aber auch mit feinen Schattierungen. Schönberg hat seine Kammersinfonie zwar in einem Satz geschrieben, diesen aber in vier Abschnitte unterteilt, in denen sich klassische Formen wiederfinden – zumindest formal. In Wirkung und Aussage ergab sich am Montagabend daraus ein Kaleidoskop musikalischer Bilder, die aus einem ständigen Austausch entstanden wie aus einem freundlichen, musikalischen Diskurs. Feinteilig ergaben sich dabei Episoden von melodischem Charme, Passagen der Verdichtung mit ungeheurer Intensität sowie Anknüpfungen an den Jazz. Zwar werden die meist einfach besetzten und äußerst flexiblen Stimmen erst im Finale zu einem Gleichklang gebündelt, Carlo Goldstein gelang es jedoch, die Bezüge während des ganzen Werkes eng zu knüpfen, ohne daß diese Dichte den Klang erdrückt hätte oder ausufern ließ.

Gut einhundert Jahre vor Schönbergs in Wien entstandener Kammersinfonie schrieb Carl Maria von Weber während eines ausgedehnten Aufenthaltes in München das Fagottkonzert F-Dur, das nun mit Philipp Zeller, Solofagottist der Staatskapelle, aufgeführt wurde. Das Werk verbindet virtuosen Anspruch mit Wohlklang, weshalb es nicht nur eines der bekannteren Gattungsbeiträge ist, sondern auch unter den Konzerten Webers heraussticht, das zeigte auch Philipp Zeller: Zwar gibt es zahlreiche Läufe und Sprünge und vor allem der Schlußsatz bietet reichlich Momente, zu brillieren, doch die herausgestellte Virtuosität allein ist es eben nicht, die beeindruckt. Der musikalische Wert entsteht erst, wenn melodischer Gehalt, gesangliche Qualität (vor allem im Adagio) und die gestalterische Finesse stimmen.

Das betrifft den Solisten ebenso wie die Abstimmung mit dem und im Orchester. Und die war vorzüglich, wie Carlo Goldstein gleich nach der Pause noch einmal zeigte. Das im Gegensatz zu Schönberg deutlich gewachsene Orchester behielt die Fähigkeit zur Feinheit, zur Luzidität der Stimmen, bei. Noch einmal schuf Goldstein aus den ihm zur Verfügung stehenden Klangfarben Bilder, den weiten Bogen eines Meerblicks an der schottischen Küste vielleicht. Obwohl Mendelssohns »Schottische« keine »Programmmusik« ist, ließen sich derartige Assoziationen von Wellentosen, aufziehendem Sturm und Aufhellung fast zwangsläufig evozieren. Mit bündig aneinandergeschlossenen Sätzen formte der Dirigent jede Phrase aus, so daß auch bei zügigen Tempi keine Übereilung aufkam – ein musikalischer Fluß, der mitriß, ganz ohne »Klangverluste«! Da das ganz offensichtlich nicht nur für die Zuhörer erfrischend war, blieb das Orchester auch einmal sitzen und überließ den Applaus dem Dirigenten.

8. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

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