Magisch bis titanisch

Daniele Gatti und das Koninklijk Concertgebouw Orkest im Kulturpalast

Bei ihrem letzten Besuch der Dresdner Musikfestspiele gab es den neuen Konzertsaal noch nicht, am Mittwoch war das Koninklijk Concertgebouw Orkest mit seinem Chefdirigenten Daniele Gatti zum ersten Mal darin zu Gast. Und noch einer kehrte nach Dresden zurück: Daniil Trifonov. Vor zwei Jahren hatte er – damals noch im Albertinum – Franz Liszts Es-Dur-Konzert gespielt, »zwischendurch« ist er Capell-Virtuos gewesen. Diesmal stand Sergei Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 (C-Dur) auf dem Programm.

Dieses ist in unruhigen Zeiten entstanden, was gleichermaßen Rußland bzw. die Sowjetunion als auch das Leben des Komponisten selbst betrifft. Doch nicht Unruhe und Aufruhr findet man in seinem Werk, nicht slawische Melancholie oder volkstümliche Melodik sind prägend, vielmehr bestimmen virtuose und exotische Element das Klangbild, das sich wesentlich aus der Mélange der Instrumente incl. des Klavieres ergibt, künden von Neuem. Es scheint wie gemacht für ein Orchester, das so homogenen Zauber zu verströmen versteht, wie gemacht für einen Solisten, der in der Lage ist, eine so leichte, tänzerische Virtuosität zu entwickeln. Natürlich kann Daniil Trifonov spielen wie ein Berserker, einen Rausch auslösen, daß es ihn selbst vom Klavierhocker reißt, doch wird seine stupende Technik dabei nicht vordergründig.

So gelang es auch, daß sich das Klavier und die Stimmen des Orchesters (vornehmlich Bläser) immer wieder fein verwoben, Motivbezüge oder einen Klang schufen, mit aus dem Gemeinsamen gewonnener Farbigkeit immer wieder verblüfften. Daniele Gatti verstand es, gleichermaßen einen Sturm zu entfesseln (Allegro) und wieder zu beruhigen (Andantino) – gerade der zweiten Satz zeigte, daß Prokofjew zuweilen ein genialer »Parfümeur« gewesen ist.

Die einen waren wohl schon wegen Daniil Trifonov gekommen, die anderen hatte der Pianist mit seiner Darbietung eingefangen. Dafür gab es stürmischen Jubel und noch einmal Prokofjew als Zugabe: das erste der fünf »Sarcasm« – manchem war das noch nicht genug…

Dabei stand nach der Pause noch ein wahrer Akt, eine sinfonische Szene auf dem Programm: Gustav Mahlers »Titan«. Und hier nun zeigte sich, wie fein das Orchester den neuen Konzertsaal schon kannte (und wie enorm dessen Aufnahmefähigkeit ist). Wie Daniele Gatti in diesem zuweilen ins Kolossale driftende Werk Stimmen und Stimmung austarierte, war enorm. Hier konnte jeder seine Freude haben, am Gesamtwerk, am Klang, an den Zitaten, aber auch, wer sein Lieblingsinstrument »verfolgen« und dessen Anteil an der Sinfonie nachspüren wollte.

Daniele Gatti ließ Mahlers erste Sinfonie lange Zeit in der Schwebe, als würden Bläser und Streicher einen unbestimmbaren, ungreifbaren Nebel weben. Erst mit dem Einsetzen des Liedmotives wurde er konkret – ein Erwachen, daß mit viel Glanz (Trompeten von Ferne, beeindruckende Hörner) und Homogenität erstand. Nicht der vordergründig packende Strom war es, der die Zuhörer gefangennahm, sondern das ständige Weben und Wandeln, als hätte Mahler das Licht eines Tages von der Dämmerung bis zum abendlichen Verglühen in einer Sinfonie verarbeitet.

19. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

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