Siebenundzwanzig und elf

Saisonabschluß der Philharmonie mit Mozart und Schostakowitsch

Am Wochenende verabschiedeten sich Michael Sanderling und die Dresdner Philharmonie in die Sommerpause. Zuvor entfachten sie mit Dmitri Schostakowitschs elfter Sinfonie noch einmal gehörigen Furor im Kulturpalast.

Mit Mozarts 27. und letztem Gattungsbeitrag, dem B-Dur-Klavierkonzert KV 595, begann der Abend zunächst gediegen. Solist Sunwook Kim, der in Leeds wie beim Clara-Haskil-Wettbewerb erste Preise einheimste, konnte ebenso elegant Triolen leuchten lassen wie beruhigende Kadenzen ausspinnen. Mehr noch erfreute, daß er keinen »eindimensionalen« Mozart spielte, sondern subtilen Schatten in der Klavierstimme nachspürte. Daß Kim mit seinem flinken Einsatz den dritten Satz bündig an den zweiten anschloß, war erfrischend – zuvor hatte die etwas lange Pause arg zum Husten eingeladen und die »Fahrt« des Stückes gebremst. Michael Sanderling justierte derweil die Balance der Instrumentengruppen, deren Bässe zu Beginn noch dominant gebrummt hatten, neu. Trotzdem blieb dieser Mozart doch etwas gemäßigt gleichmäßig.

Für die Zugabe öffnete Sunwook Kim sein Schatzkistchen etwas weiter, wobei man sich streiten mag, ob man Beethovens »Pathétique« für solche »Encores« zerpflücken sollte. So ihres Zusammenhanges beraubt verlor das Adagio cantabile nicht nur den Bezug, sondern entbehrte die Ambivalenz, die feinen Nuancen und blieb melancholisch-süß. Dabei war die nahezu orchestrale Klangpallette, die Sunwook Kim auf dem Flügel fand, jedoch beeindruckend.

Wie auch immer man Dmitri Schostakowitschs Sinfonie »Das Jahr 1905« deuten, welche Aussage man ihr unterstellen mag – das mit einer Spielzeit von über einer Stunde schon »weitschweifige« Werk ließ vor allem eines nicht missen: Spannung. Michael Sanderling gelang es hier, die Kräfte, sprich: Stimmen und Stimmungen, so zu bündeln, daß noch in Zäsuren oder verlangsamten Tempi kein Nachlassen zu spüren war. Nur die Art der Spannung war eine andere: mal latent bedrohlich wie im trügerisch fahl klingenden Beginn, dann wieder agitatorisch, hoffnungsvoll oder heroisch. Immer jedoch entblößte Michael Sanderling die scheinbare Eindeutigkeit als Trug – wenn nach einer Neuorientierung Hoffnung aufschimmert, ist sie eben unsicher, und der so glänzend eingeläutete »Sturm« nicht zuletzt barbarisch und brachial. Dafür durften die Bläser, die zuvor bei Mozart noch so schön korrespondierten, nun einmal eine häßliche Seite zeigen, schrill klingen, piksen. Solcher Schärfung von Kontrastbildern war denn die Intonation auch einmal untergeordnet. Ein ebenso differenter Moment ergab sich im Harfensolo – waren das vergossene Tränen oder Blutstropfen? Und kurz vor dem Ende stimmte das Englischhorn (Isabell Kern) einen wahren »Schwanengesang« an. Und alles eingeschlossen vom immerwachen, unbändigen Puls der Streicher. Die Unbändigkeit des Lebens, der Ereignisse, des Werkes – nicht gebändigt, sondern gefaßt in faßbaren, kontraststarken Bildern.

1. Juli 2018, Wolfram Quellmalz

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