Ein bißchen wie schweben

Saisoneröffnung der Sächsischen Staatskapelle mit Alan Gilbert

Manches war anders an diesem Mittwochabend im Opernhaus. Die Eröffnung nicht wie in den letzten Jahren mit Thielemann und Bruckner, das Rundfoyer, wo derzeit noch das Parkett erneuert wird, geschlossen – mancher fühlte sich da ein wenig an den Rand gedrängt. Im Zuschauerraum war es unruhig wie selten – Applaus zwischen den Sätzen kennt man von Kammer- und Aufführungsabenden, im Sinfoniekonzert jedoch war dies bisher die störende Ausnahme!

Unglücklich auch der Beginn mit einer Miniatur des Capell-Compositeurs Peter Eötvös. »Per Luciano Berio« setzte als Uraufführung den musikalischen Anfangspunkt bzw. das Auftaktzeichen, war jedoch mit kaum vier Minuten denkbar knapp. Zu kurz, um seine Wirkung an dieser Stelle entfalten zu können – warum hat Alan Gilbert es nicht wiederholt? Er wäre dem Stück gerecht geworden, in dem der Komponist im Gedenken seinem Freunde und Kollegen Luciano Berio nachspürt. Aufbauend auf dessen »elementaren« Kompositionen »Erdenklavier« und »Luftklavier« hat Eötvös zunächst ein Klavierstück geschrieben und dies später in einer Orchesterfassung um weitere Stimmen ergänzt. Anhaltende Liegetöne erzeugen einen schwebenden Klang mit nur wenig Verlauf in den Stimmen. Immer wieder aber ändert sich die (elementare) Zusammensetzung. Das war fein austariert und hatte große Spannung, doch erreichte das offenbar kaum jemanden, denn der Applaus genügte nicht einmal, den Dirigenten von der Bühne zu begleiten – schade! Es wäre schön, das Stück bald noch einmal zu hören.

In ganz andere musikalische Gefilde begab sich die Staatskapelle mit der ehemaligen Capell-Virtuosin Lisa Batiashvili. Sergej Prokofjews zweites Violinkonzert ist wohl das beim Publikum beliebtere, das lyrische Gesangslinie und virtuose Passagen verbindet. Luftig klang es diesmal, denn Alan Gilbert spendierte dem Werk eine kammermusikalische Feinheit. Prokofjew hat über weite Strecken nur einzelne Gruppen des Orchesters eingesetzt, vor allem in den ersten beiden Sätzen spielen kaum einmal alle zusammen. Und wenn Violinen und Pauke doch einmal ein Tutti formulierten, klang dies wie fein getupftes Werk. Lisa Batiashvili hat einen ganz besonders feinen, gesanglichen Ton, der ungemein zart sein kann, ohne seine Tragfähigkeit zu verlieren. Im Allegro dann konnte man die Solistin wieder einmal als sichere »Bogentänzerin« erleben, welche der Virtuosität eines nie zu opfern scheint: die Melodiösität. Das galt nicht weniger für die vibrierende Zugabe. Wie so oft brachte Lisa Batiashvili eine Überraschung aus ihrer Heimat mit, Alexy Matchavarianis »Doluri«.

Alan Gilbert ist mittlerweile kein seltener Gast mehr bei der Staatskapelle. Erst vor einem knappen Jahr hatte er sie geleitet und war anschließend mit ihr – wie jetzt – auf Gastspielreise gegangen. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb es »schon wieder« Gustav Mahlers erste Sinfonie gab. Man könnte fast meinen, er habe nach dem »Titan« keine Sinfonie mehr komponiert, doch leider sind Veranstalter oft nicht wagemutig, selbst in Dresden spielen Gastorchester oft Bruckners neunte.

Also den Titan, ein Bilderwerk in vielen Farben. Davon hatte die Kapelle reichlich dabei, pastell, frisch, strahlend – faszinierende Bläser! Zunächst hatte Alan Gilbert allerdings ein Handyklingeln abwarten müssen…

Wie schon bei Eötvös gab es schwebende Klänge, spannungsreiche Einzelbilder, hier freilich mit mehr Entwicklung. So stimmig sie im einzelnen waren, fehlte im Ganzen noch der Spannungsbogen, auch begann die Sinfonie deutlich mit einem Anfangspunkt, erhob sich nicht aus dem Nichts, hier und da war die Präzision noch nicht wie gewohnt da. Die Ambivalenz von frohgemutem Lied und ferner Sehnsucht strich Alan Gilbert dagegen klar heraus. Der »Titan« kann noch etwas wachsen.

30. August 2018, Wolfram Quellmalz

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