Struktur und Verve

Minguet-Quartett im Jagdschloß Graupa

Pablo Minguet é Irol war nicht nur ein spanischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, er war auch Komponist, Verleger, (Musik-)Pädagoge und Schriftsteller, der nicht nur wegen seines Schöpfertums bekannt wurde, sondern weil er durch sein Tätigsein der Vermittlung und Verbreitung von Werken diente. Ähnlich vielseitig wie Minguets Schaffen ist das Repertoire des nach ihm benannten Minguet-Quartetts, das am Sonnabend der Einladung der Richard-Wagner-Stätten Graupa gefolgt war.

Ursprünglich hatten Werke von Mozart, Ruzicka und Brahms auf dem Programm gestanden, und der Zeitgenosse Peter Ruzicka hätte sicher einen spannenden Berührungspunkt geboten. In Konzerten wie Aufnahmen sind Werke von ihm, aber auch von Anton Webern oder Arnold Schönberg in der Tat nicht nur eine Ausnahme und Quoten-Aufgabe des Minguet-Quartetts. Gerade in diesem Jahr – dem 30. des Bestehens – war Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts bis zu Uraufführungen ein Schwerpunkt für Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello). Doch letztlich hatten sich die vier für einen Abend mit Beethoven, Debussy und Dvořák entschieden. Immerhin ist Claude Debussys Quartett eher selten zu hören, Ludwig van Beethovens Nr. 6 aus Opus 18 zumindest nicht so oft wie die Nummern 3 oder 4 des gleichen Opus. Bei Antonin Dvořák könnte man hingegen meinen, er habe nur ein (12., »Amerikanische«) Quartett geschrieben (nein, es waren 14).

Packend, beherzt, aber etwas routiniert und »trocken« war der Zugriff des Quartetts auf Beethoven. Neben der ersten Violine kommt hier der Cellostimme eine hervorgehobene (erwidernde) Rolle zu. Zunächst schienen Ulrich Isfort und Matthias Diener gegenüber zweiter Violine und Viola noch dominant. Doch die nüchterne, klarsichtige Herangehensweise förderte auch Kontraste zutage, besonders der ungewöhnliche vierte Satz mit Adagio-Einleitung gewann dabei an Spannung.

Die Beherztheit behielt das Minguet-Quartett bei Claude Debussys Streichquartett Opus 10 bei. Nicht warme, sanft schattierte Farben waren es, die sie hervorkitzelten, sondern Struktur (kaum weniger als bei Beethoven) und Energie. »Animé et trés decidé« lautet schließlich die Komponistenanweisung im ersten Satz, also belebt und entschieden. Rhythmus und Puls sind nicht weniger wichtig – so harte, scharfe Pizzicati hört man selten! Gerade so entstand ein höchst expressives wie interessantes Vierergespräch, wie im zweiten Satz, mit Dämpfern gespielt, in dem Violine (Annette Reisinger) und Viola sanft erwiderten, das Violoncello einen fast räumlichen Widerhall fand, die Viola sich orientalischer Beschwörungsformeln bediente. Zunehmend Farbe und sonnigen Schimmer bereitete das Andantino, bevor der Schlußsatz – noch einmal ein Quartett en miniature – den ersten Teil des Abends beendete.

Das böhmische Melos kann das Amerikanische Quartett Antonin Dvořáks nicht verbergen, aber volkstümliche Fröhlichkeit allein macht es eben nicht aus. Die strukturierte, energiebezogene Lesart des Minguet-Quartetts stellte Klarheit und Kontraste heraus. Das Lento gestalteten sie besonders reizvoll, mit im Alt singender Viola und einem punktierenden Cello, das Finale mit energischem Schwung.

Zurück zum Ursprung (zur ursprünglichen Planung) ging es mit der Zugabe, einer Miniatur (Epigramm) aus Peter Ruzickas zweitem Streichquartett (»FRAGMENT«).

21. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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