Das ganze Weihnachtsoratorium

Statt einer Auswahl präsentiert das Collegium 1704 alle Kantaten Johann Sebastian Bachs

Es kommt nur selten vor, daß Václav Luks einmal nicht selbst dirigiert. Lars Ulrik Mortensen und Hans-Christoph Rademann gehören bisher zu den wenigen Ausnahmen, ebenso wie der Organist und Cembalist des Ensembles Pablo Kornfeld. Im Dezember-Konzert der Musikbrücke Prag-Dresden war es nun an Peter Dijkstra, seinen Einstand zu geben. Aber das war nicht die einzige Änderung, denn der Dirigent brachte seinen Nederlands Kamerkoor mit – kein Collegium Vocale 1704 diesmal!

Auch die formale Besetzung wies eine Besonderheit auf: Maarten Engeltjes sang die Alt-Partien. Ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig – in Opern durchaus üblich und oft wegen der höheren Strahlkraft so besetzt, fehlt Altisten meist jedoch die runde und natürliche Wärme einer Altistin, was gerade in Oratorien oder Passionen eigentlich wichtig ist, doch ist dies nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks.

Am »Geschmack« des Orchesters ließ sich auch unter einem anderen Dirigenten kaum zweifeln. Ungebremst war die Musizierfreude, herrlich die Bläser (diesmal alle rechts), vor allem die Trompete(n). Peter Dijkstra faßte das Werk knapp, mit wenig Nachhall, und erreichte mit diesem schlanken Klang nicht nur eine große Durchhörbarkeit, sondern ebenso feine Effekte. Etwa, wenn die Bässe mit geschlagenen oder herzhaft gestrichenen Saiten wie kleine, sanfte Schlagwerke klangen. Leuchtende Kantilenen der Bläser und ein geschmeidiger Streicher-Chor faßten das Weihnachtsoratorium. In dieser schlanken und durchdachten Konsequenz verwunderte es nicht, daß der Choral »Ich steh an deiner Krippen hier« a capella im letzten Teil ein Höhepunkt war, an den – nicht weniger konsequent – Peter Dijkstra – eine kleine Wirkungspause anschloß. Die Klarheit und Verständlichkeit des Nederlands Kamerkoor war überragend, seine Strahlkraft vor allem in den Eingangschören berückend, wenn etwa »Ehre sei dir, Gott gesungen« eine freudvolle Ehrerbietigkeit intonierte.

Unter den Solisten fiel vor allem Baß Thomas Oliemans auf, der mit bestechender Artikulation rezitativisch wie arios überzeugte. Seine emphatische Vokalbetonung war schon in »Großer Herr, o starker König« bestechend, aber nicht weniger als Duo- oder Triopartner und mit einfühlsamem Gestus (»Immanuel, o süßes Wort!«) war er schlicht großartig. Da konnten seine Kollegen nicht ganz mithalten. Hannah Morrison fehlte es an Verständlichkeit, während sich mancher bei Maarten Engeltjes (wie oben erwähnt) mehr Wärme gewünscht hätte. Überzeugend war als Tenor und Evangelist Benedikt Kristjánsson (der in Dresden schon mit der Philharmonie oder dem Dresdner Kammerchor aufgetreten ist). Etwas nasal noch zu Beginn (vielleicht jahreszeitlich bzw. durch das Wetter bedingt) vermochte er sich immer weiter zu steigern.

Fein waren auch die Solisten des Orchesters wie Violine (diesmal Ivan Iljev), Oboe (Katharina Andres) oder Fagott (Elisabeth Kaufhold) – die im Text verankerte »Pracht« war instrumental ebenso gegeben!

13. Dezember 2018, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Musikbrücke: »Venezianische Vespern« mit Werken Antonio Vivaldis, 31. Dezember (Rudolfinum / Prag) und 1. Januar (Annenkirche / Dresden)

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