Rolle rückwärts

Sächsische Staatskapelle beginnt Aufführungsabend mit zeitgenössischer Reflexion auf Mozart und endet historisch informiert mit dessen 40. Sinfonie – das Ergebnis war verblüffend!

Dirigent Ivor Bolton war bisher in Dresden vor allem mit dem Festspielorchester zu erleben, einem »Originalklangensemble«, also einem, das sich »historisch informiert« gibt. Am Dienstagabend gastierte er bei der Sächsischen Staatskapelle kaum weniger »informiert«. Dabei machten die Kapellmusiker zeitlich eine Rolle rückwärts, vom 21. bis ins 18. Jahrhundert.

Mit Wolfgang Amadé Mozart und Richard Strauss standen zwei der Hausgötter auf dem Programm. Zur Eröffnung reflektierte Peter Eötvös, derzeitiger Capell-Compositeur, in einem »Dialog mit Mozart«, worin er am Salzburger Mozarteum erhaltene Fragmente des Komponisten verarbeitet hat. Schnipsel, Facetten, Blitzlichter sind es, die Eötvös mit Witz zu einem neuen Stück verarbeitet hat. Manchmal fügt der Komponist die Partikel zu einem Pastiche, dann wieder läßt er sie wie hinter einem Zerrspiegel erklingen. Ivor Bolten entlockte der Kapelle die humorigen Phrasen ebenso wie klangsüffige, verband rückblickende Wehmut mit heutigem Ernst – erfrischend!

Mit Richard Strauss Hornkonzert Es-Dur betrat Zoltán Mácsai die Bühne vor dem Schmuckvorhang. Mácsai ist Solohornist der Sächsischen Staatskapelle und bezauberte Kollegen und Publikum mit einem weichen Ansatz und betörend warmer Tongebung – romantischeres kann man sich kaum vorstellen! Herrlich auch, wie Bolton das Orchester »antworten« ließ – das Andante con moto gehört ihm (fast) allein. Violoncello und Viola schimmerten sanft, einzelne Hornrufe fügten sich ein, um hernach – mit dem Beginn des Rondeau – einen glanzvollen Hymnus anzustimmen. Plötzlich war allen klar – das Horn ist doch aller Lieblingsinstrument! Dafür gab es ringsum viel Applaus für den Solisten.

Und dann noch einmal Mozart. Original. Oder original-original? Nicht nur, daß eine Sinfonie und keine Bearbeitung erklang, Ivor Bolton ließ die Staatskapelle gehörig »historisch« aufspielen. Da durfte es kratziger, herber, prickelnder klingen. Schon die sonst so geschmeidige Einleitung überraschte mit deutlich herber Violaschattierung, Hörner und Trompeten mischten den Ton ebenso gehörig auf – im Schlußsatz sollten sie diesen markanten Einsatz wiederholen. Und dazwischen der kecke Klang der Holzbläser (das Fagott!). Mal angenommen, Mozart hätte bei seinem Dresden-Besuch ein Kapell-Konzert gegeben – ob es so ähnlich geklungen hätte?

Pulsierend und beweglich gestaltete Ivor Bolton das Andante, verband im Menuetto Feinheit mit dem aufkommenden Sturm und Drang. So hat man Mozart hier wohl kaum einmal gehört, so wird man ihn wohl auch nicht bald wiedererleben. Es zeigt sich aber auf verblüffende Weise, wie weit sich das Orchester der Idee und Auffassung eines Dirigenten annähern kann, wie groß die Affinität zur »alten« Musizierweise geworden ist (was nicht wundert, wenn man bedenkt, wieviel der Musiker in Ensembles wie der Cappella Sagittariana mitwirken). Wieder einmal erweist sich der Aufführungsabend als gelungenes Feld für Begegnungen und die Umsetzung von Klangideen abseits des üblichen. Moderne Sinfonieorchester – die Sächsische Staatskapelle Dresden – können eben mehr!

12. Dezember 2018, Wolfram Quellmalz

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