Jetzt kann Weihnachten kommen!

Valer Sabadus versetzt Kulturpalast ist Feststimmung

Am Dienstag erst hatte Ivor Bolton bei der Sächsischen Staatskapelle ein Feuerwerk gezündet, am Freitag legte er im Palastkonzert mit »seinem« Dresdner Festspielorchester nach. Seit 2012 findet es unter Boltons Leitung zu besonderen Anlässen auch außerhalb der Festspielzeit zusammen, lotet nach Originalklang zwischen Barock und Romantik. Die letztere Epoche ist eine noch junge Eroberung der historischen Aufführungspraxis (und wurde bereits in einer Schumann-Aufnahme festgehalten), der barocke Fundus scheint unerschöpflich und reicht weit über Komponisten wie Antonio Vivaldi oder Georg Friedrich Händel, die in seinem Zentrum stehen, hinaus.

Aus diesem Fundus schöpfte das Festspielorchester erneut. Und auch wenn aus dem modernen (und für diese Musik riesigen) Saal trotz dekorativer Kerzenständer am Bühnenrand kein barockes Palais wird – geklungen hat es prächtig.

Verblüffend ist, wie sich das Orchester, das ja kein permanentes ist, sondern sich mit Musikern aus aller Welt immer neu zusammensetzt, jedesmal »findet«. Überragende Solisten und beherzte Tutti-Streicher wachsen binnen Kurzem zusammen und feiern eine »entzündliche« Musik. Herrlich waren die Hörner (Naturhorn wohlgemerkt: Thomas Hauschild und Oliver Kersken), die gleich in Händels Wassermusik-Suite D-Dur (HWV 349) von den Trompeten (Wolfgang Gaisböck und Christian Simeth) volltönend unterstützt wurden. Später brillierten in Johann Sebastian Bachs Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo (BWV 1060) mit Michael Niesemann und Konzertmeister Alexander Janiczek zwei weitere fabelhafte Solisten, Fagottist Christian Beuse sorgte mehrfach für Farbe und Schattierung. Wieder dabei war Stimmführerin Teresa Schwamm (Viola) vom Armida-Quartett – auch dieses gehört in die Liste der Festspielgäste.

Ivor Bolton war diesmal Dirigent und Cembalist. Nur sitzen und spielen geht bei ihm aber wohl nicht, denn das Energiebündel sprang auf, dirigierte, spielte stehend … und wurde zum kongenialen Begleiter des hinreißenden Valer Sabadus. Auch das gehört zu einer Musikstadt, zu einem Musikfest – verschiedene Sänger wie Countertenöre oder Altisten hören zu können. Allein zu erleben, wie individuell unterschiedlich sie sind, ist beglückend. Sabadus‘ Timbre ist von einer großen Sanftheit, einem Ton gekennzeichnet, der selbst in tieferen Lagen nicht an Volumen oder Klangschönheit einbüßt. Noch Spitzentöne, die er wie Perlen aufsetzt, versteht er sanft abzurunden. Und so waren seine Rollen und Texte höchst unterschiedlich und keine Kette von strahlenden Heldenrollen. Ob bei Händel als verunsicherter Ruggiero (»Alcina«) oder zorniger Sesto (»Giulio Cesare in Egitto«), ob Antonio Maria Gaspare Sacchinis Rodrigo (»Il Cid«) – Sabadus kann Gefühle mit Hingabe darstellen, ohne übertriebene Affekte maximale Empathie auslösen. In Händels »Venti, turbini« (»Winde, Stürme«, Rinaldo) entfesselte Sabadus den Sturm der Leidenschaft, den er bei Christoph Willibald Gluck (Rezitativ und Arie des Paride aus »Paride ed Elena«) noch zu steigern wußte. Eisig berauschend war Vivaldis Farnace (»Gelido in ogni vena« / »Eisig fühle ich das Blut«)!

Herzerfrischend blieb das Festspielorchester, das unter Ivor Boltons Leitung diesen Affekten punktgenau folgte. So war der Applaus diesmal auch nicht nur frenetisch, sondern langanhaltend – dafür gab es noch einmal Sesto (»Cara speme«), berührend schön mit Cembalo und Laute.

15. Dezember 2018, Wolfram Quellmalz

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