2. Dresdner Chortag

Preisträgerkonzert im Kulturpalast

Wenn man auf Titel wie »Kulturstadt« oder »Musikstadt« stolz ist, darf man sich nicht auf dem Lorbeer, sprich: der Vergangenheit und Tradition, ausruhen, sondern muß solche Attribute mit Leben füllen. Einen ganz wesentlichen Anteil an der Lebendigkeit des Dresdner Musiklebens haben Chöre, was nicht nur der Dachverband anhand wachsender Mitgliederzahlen erfährt. Neben Auftritten im eigenen Haus oder der Teilnahme an Chortreffen sind sie an Gastkonzerten beteiligt und helfen, manches moderne Stück aus der Taufe zu heben. Dabei ist das Repertoire weit gefächert: allein der klassische Chorgesang reicht von der Renaissance bis heute, es gibt Jazz- und Gospelchöre sowie freie Formationen, die sich auch dem Pop öffnen.

Einen Höreindruck gaben die Chöre Besuchern des Kulturpalastes am frühen Sonntagabend. Die Dresdner Philharmonie und die Stadt Dresden hatten zum Preisträgerkonzert des zweiten Dresdner Chortages eingeladen. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch erinnerte in ihrer Begrüßung, daß Singen nicht nur sozial verbinde und Freude bereite, sondern nachweisbar die Gesundheit fördere. Besonders freute sie, daß sich Schulchöre für den Förderpreis beworben hatten – der Musikunterricht sei an sächsischen Schulen oft marginal. (Und, wie man aus der Tagespresse weiß, sind derzeit gerade im Umkreis für Dresden wichtige Musikschulen wie die Musik-, Tanz- und Kunstschule Bannewitz e. V. von der Schließung bedroht.)

Von sechzehn teilnehmenden Chören wurden schließlich elf (von denen sich zehn im Kulturpalast vorstellten) prämiert. Moderator André Hardt führte (manchmal arg) leutselig durchs Programm, stellte vor, gab Preise und Jurybegründungen bekannt. Den Begriff »Laienchor« muß man dabei relativieren: die Choristen gehen zwar in der Regel einer anderen Berufstätigkeit nach als dem Singen, doch wöchentliche Proben zeugen ebenso von der Ernsthaftigkeit ihrer Ambitionen wie die Qualität der Darbietungen.

Kein Wunder, daß es Mehrfachpreisträger gab: der Universitätschor Dresden, der mit seiner Leiterin Christiane Büttig differenzierte Porgramme entwickelt und noch am Vortag in der Annenkirche zu erleben war, wurde für sein Gesamtprogramm mit einem 1. und für die Interpretation eines fremdsprachigen Liedes mit einem 2. Preis ausgezeichnet. Die Jury honorierte damit nicht nur die Unterstützung unterschiedlicher Formate bis hin zur Kammeroper, sondern auch eine gelungene musikdramatische Gestaltung. Einige seiner Sänger sind außerdem Mitglied im Jungen Ensemble Dresden (Olaf Katzer), das sich in den letzten Jahren immer neue Länderschwerpunkte in Osteuropa setzte und mit Projekten verband. Dieses Jahr ging es nicht nur nach Georgien, es gab sogar eine länderübergreifende Auftragskomposition mit Uraufführung – und: zwei 2. Preise (Gesamtprogramm und Interpretation eines fremdsprachigen Liedes).

Chöre sind auch Botschafter. Für Dresden, für eine Sache, fürs Singen und nicht zuletzt für Traditionen. Gerade dies verhindert nicht, sich immer neu »zu erfinden« und neue Programmschwerpunkte zu setzen. Den Dresdner Bergfinken (3. Preis Gesamtprogramm) sowie dem Sächsische Bergsteigerchor »Kurt Schlosser« (Sonderpreis) gelingt es seit Jahren, Tradition mit zeitrelevanten Themen zu verbinden. Doch Leben und Chöre entstehen auch immer wieder neu. Dies zeigten nicht zuletzt die prämierten Schulchöre (Laborschule OMSE, microcolor Kinderchor / Gymnasium der Dreikönigskirche, Jugendchor des Romain-Rolland-Gymnasiums, Projekt Choralarm / 6. Grundschule). Ihr Programm reichte von israelischen und Jiddischen Volksliedern über ein Spiritual bis zu Camille Saint-Saëns »Weihnachtsoratorium« – Fremdsprachen gehören also dazu, wofür es eigentlich eine Extrakategorie gab. Dort waren vier Chöre vertreten, bei denen der Seniorenchor musica 74 (Vitali Aleshkevich) einen 1. Preis erhielt, ein weiterer ging an den Jazzchor Dresden (Michael Blessing). Auch der Jazzchor ist ein Doppelpreisträger, denn er hatte ebenso in der Kategorie »Gesellschaftlich-soziales / europäisches Engagement« einen 2. Platz errungen. Der 1. ging dort – mit großem Jubel – an das Projekt Singasylum (Samira Nasser) – übrigens schon zum zweiten Mal.

Mit »Ave verum corpus« (Mozart / Seniorenchor), »Josef, lieber Josef mein« (Universitätschor) gab es klassische und viele (vor)weihnachtliche Beiträge, für Auflockerung sorgten »Here comes Santa Claus« (Jazzchor) oder »Ding dong merrily on high« (alle Chöre). Dieses, uns als englisches Weihnachtslied bekannt, ist ursprünglich französisch – es war im 16. Jahrhundert bereits als Tanz bekannt.

Übrigens: auch 2019 wird es einen Chortag geben. Die Preisgelder liegen im drei- und vierstelligen Bereich – mitmachen lohnt sich also, wenn man seine Chorkasse für notwendige Anschaffungen auffüllen oder eine Konzertreise finanzieren will!

17. Dezember 2018, Wolfram Quellmalz

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