Thielemann, der Vielsaitige

Chef der Sächsischen Staatskapelle debütiert beim Wiener Neujahrskonzert

Egal wie Musikfreunde den Silvesterabend verbracht haben – spätestens kurz nach elf Uhr am nächsten Morgen sind sie auf den Beinen. Wenn die Übertragung des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker auf dem ZDF (oder alternativ im Radio) beginnt, sitzen die einen beim Sektfrühstück, die anderen haben den Festtagsbraten im Ofen – aber das Neujahrskonzert muß sein! Für Christian Thielemann, der es in diesem Jahr erstmalig dirigierte, kam die Einladung in den Goldenen Saal des Musikvereines wohl zum besten Zeitpunkt. Der Dirigent ist, das kann man in Dresden erleben, derzeit gelöst, entspannt, ja fröhlich, wie man ihn lange nicht erlebt hat und was seine ohnehin unbestrittenen dirigentischen Leistungen noch zu beflügeln scheint – man denke nur an die Schumannkonzerte im Herbst oder die grandiose »Ariadne«.

Die Wiener Philharmoniker kennt Christian Thielemann seit annähernd zwanzig Jahren, hat mit ihnen unter anderem einen Beethovenzyklus aufgeführt und eingespielt, viele Opernaufführungen geleitet (im Mai wird hier »Die Frau ohne Schatten« mit ihm Premiere haben) – man kennt sich also. Die neue Lockerheit, die Thielemann um kein Jota nachlassen läßt, sollte einem Konzert mit Wiener Walzer und Schnellpolka wohl guttun, konnte man ahnen. Und was für ein Programm würde der Preuße Thielemann für Wien auswählen?

Kein preußisches, auch wenn der Maestro mit einem Marsch begann. Der Schönfeld-Marsch (nach Anton Freiherr von Schönfeld) von Carl Michael Ziehrer will die Gattung nicht verleugnen, der Dirigent bleibt jedoch locker. Der »Egyptische Marsch« Johann Strauß (Sohn) in der zweiten Hälfte hält neben reicher Blechbläserinstrumentierung die Wiener Philharmoniker als Sänger parat, selbst wenn es nur »lala« ist – der Chor paßt. Nein, das Preußentum versucht Christian Thielemann nicht nach Wien zu bringen, am ehesten merkt man es noch beim traditionellen Abschluß aus Donauwalzer und Radetzky-Marsches, als Thielemann dem »Prosit Neujahr« des Orchesters exakten Einsatz und Takt dirigierte.

Dazwischen erlebte man Christian Thielemann als Klangverführer, mit einem federleichten »Elfenreigen« (Josef Hellmesberger, Sohn), und auch der Polka schnell Opus 351 von Johann Strauß (Sohn), »Die Bajadere«, gab der Dirigent eine verblüffende Leichtigkeit mit, Hellmesbergers »Entr’acte« betörte mit Geschmeidigkeit. Daß Stücke wie »Nordseebilder« oder die Ouvertüre zum »Zigeunerbaron« (beide Strauß, Sohn) Christian Thielemann besonders liegen sollten, war eigentlich klar, im Eva-Walzer (ebenfalls Strauß, Sohn) durften die Wiener Hörner glänzen. Und eine Neuerung gab es ebenso: eine Polka française von Josef Strauß »Die Tänzerin« – die immerhin klang sehr diszipliniert.

Die Mischung stimmte auf jeden Fall, die Stimmung auch, einzig die Pausengestaltung (des übertragenden ORF) mit Impressionen der Wiener Hofoper, aber vollkommen ohne Moderation, waren etwas mau. Vor den beiden Pflichtzugaben hatte Christian Thielemann »Im Sturmschritt«, noch einmal Johann Strauß (Sohn) gewählt – so präzise wie rasant.

1. Januar 2019, Wolfram Quellmalz

Wer es verpaßt hat, kann das Konzert noch einmal am Sonnabend auf 3sat oder in der Mediathek nacherleben. Der Mitschnitt erscheint am 7. Januar auf CD sowie am 21. Januar auf DVD und Bluray (Sony).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s