Die Klarheit der Artikulation

Mit Sofia Gubaidulina war der Portaitabend im Extraformat ins Leben gerufen worden, im Vorjahr galt er dem damaligen Capell-Compositeur Arvo Pärt. Die hinsichtlich der Länge und des inhaltlichen Schwerpunktes der zeitgenössischen Musik anspruchsvollen Abende wurden schon in den ersten beiden Jahren in der Schloßkapelle begeistert vom Publikum angenommen, nun legte die Sächsische Staatskapelle nach: mit Peter Eötvös, dem aktuellen Residenzkomponisten, ging es ins Festspielhaus Hellerau. Einziger Wermutstropfen: am gleichen Abend fand eine der beiden von Christian Thielemann dirigierten Holländer-Vorstellungen statt – weshalb die eigene Konkurrenz?

Peter Eötvös war selbstredend als Gast mit dabei und hatte Gelegenheit, in einem kurzen Gespräch mit Konzertdramaturg Dennis Gerlach das eine oder andere zu seinem Schaffen und den Werken zu sagen. Der Komponist läßt sich, das hatten die Zuhörer im ersten Teil bereits feststellen können, oft von Texten oder Ereignissen »außerhalb« inspirieren, auf die er dann reflektiert. Das geschieht auf ganz unterschiedliche und oft sehr freie Weise. Sein frappierendes Trio »Psy«, am Abend in der Fassung für Harfe (Astrid von Brück), Flöte (Sabine Kittel) und Viola (Juliane Preiß) aufgeführt, läßt ganz unverkennbar die Reflexe der Begleitinstrumente (Flöte und Viola) aufblitzen, während die Harfe das musikalische Zentrum bildet. Allerdings auch hier in einer freien, improvisatorisch anmutenden Klanggebung, also nicht durch die dominierende Vorgabe eines Themas. Das Werk wurde nach dem Gespräch noch einmal wiederholt, und die meisten dürften es dann anders gehört haben, gleichermaßen durch die Worte des Komponisten erhellt wie durch kleine Varianzen des Spielens verursacht.

Impulse und Bezüge waren mehrfach zu spüren an diesem Abend, so in den fünf eingebetteten Werken von Domenico Scarlatti, Claude Debussy, Igor Strawinsky und Ludwig van Beethoven, auch wenn die Bezüge nicht immer so direkt genannt waren wie in der »Hommage à Domenico Scarlatti« und nicht jedes Mal offensichtlich wurden.

Viele der von Peter Eötvös aufgenommenen Impulse entspringen einem Text, einem Wort oder einem Sprachduktus, wie schon das einleitende »Now, Miss« für Violine (Matthias Wollong) und Violoncello (Simon Kalbhenn) verdeutlichte. Dabei gelingt es dem Komponisten, den Text, in diesem Fall den Dialog, aufzubrechen und sich von einer Intonation der Worte oder des Stimmverlaufes zu lösen – dies ist ebenso kennzeichnend für die Freiheit in den Werken des Capell-Compositeurs.

Artikulation ist wohl eines der wichtigsten Attribute, mit der sich seine Werke beschreiben lassen. Wasserklar erscheinen sie oft, wie der federnd leichte »Dances of the Brush-footed Butterfly«, den Martin Schöch als Antwort auf die klare Perkussivität zweier Scarlatti-Sonaten vortrug. Helle Akzente, die eine strukturierende Härte durchaus nicht entbehrten, standen im eindrucksvollen Kontrast zu einzelnen Baßtupfern. Das war ohrenfällig an diesem Abend: hier wie nach vielen der Stücke gab es Bravo-Rufe für die Spieler aus dem Publikum. So auch für Zoltán Mácsai, der zwischen Kantilene und flageolettartigen Tönen die Hommage auf Scarlatti spielte, als sei sie ein leichtes Nichts – mitnichten! Denn eines, nein, »zweies« verlangen die Werke unbedingt: perfekte Instrumentenbeherrschung und Spielkultur. Für die innige Verflechtung mit dem begleitenden Kammerorchester sorgte Petr Popelka. Der Kontrabassist der Staatskapelle trat als solcher nicht auf, dafür als Dirigent und Pianist. Und hier bewies er (noch einmal in »Levitationen«), daß er einen sehr direkten »Draht« zu den Musikern hat. Doch scheint dieser mehr dem musikalischen Verständnis für die Werke und die Instrumentengruppen als einer kollegialen Freundschaft zu entspringen. Will heißen: Popelka könnte einer jener Musiker werden (sein), die eine wirkliche Fähigkeit zum Dirigieren haben, selbst wenn einmal nicht das eigene Orchester vor ihnen steht.

Verblüffend war zuweilen, welche Stimmung, welchen Verlauf manche Stücke entwickelten. Anders als zum Beispiel die Miniaturen György Kurtágs (Capell-Compositeur 2015 / 16), die sich stark auf Sequenzen konzentrieren und oft strukturelle Muster aufweisen, erscheinen Eötvös‘ Stücke noch hier frei. Wann hört man schon einmal ein Paukenglissando? »Thunder«, gespielt von Manuel Westermann, überraschte, gerade weil Struktur und Kontrast nicht im Vordergrund standen, sondern – vollkommen unerwartet – eine Stimmung und die Melodie. Und dann die Kombination von »Syrinx« und »Cadenza« (Sabine Kittel) – hier schien es, als habe Peter Eötvös die Befreiung der Nymphe, die Rückwandlung des Schilfrohres, in seinem Stück verarbeitet.

Wesentlich fürs Gelingen eines solchen Abends ist, daß die Veranstalter, das heißt die Musiker, mit Überzeugung dahinterstehen. Diese Überzeugung (und Begeisterung) war spürbar, in den Auftritten von Matthias Wollong ebenso wie in jenem von Robert Oberaigner, der mit Jan Seiffert die Träume der »Levitationen« aufführte. Neben dem Kammerorchester kam hier auch ein Akkordeon (Ruslan Kratschowski) zum Einsatz, welchem Eötvös aber weniger solistische Aufgaben überträgt, sondern es mit dem Orchester verschmilzt oder es mit den im Diskant spielenden Kontrabässen einen reizvollen Kontrast schafft läßt.

Martin Schöch begleitete den Abend nicht nur mit Scarlatti und Eötvös, sondern auch als Einleitung des letzten Teils mit Ludwig van Beethovens Klaviersonate Opus 110. Im folgenden Klavierduo überließ er sein Instrument jedoch Petr Popelka und Emi Suzuki (und als Umblätterer: Robert Oberaigner). Für die zweite Fassung (1999) von »Kosmos« (Eötvös Opus 1 von 1961) waren zwei Flügel rechts und links außen auf der Bühne aufgestellt, was seine Wirkung nicht verfehlte, denn in der Überarbeitung (das Stück ist ursprünglich für ein Instrument geschrieben) beeindruckten die aufeinander gerichteten Reflexionen besonders.

12. Januar 2019, Wolfram Quellmalz

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