Begegnungen

Neue Jüdische Kammerphilharmonie in der Synagoge

Vor zwölf Jahren hat Michael Hurshell die Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden ins Leben gerufen. Mit viel privater Initiative und noch mehr Begeisterung vermitteln die Musiker seitdem Werke nicht nur von so prominenten Komponisten wie Félix Mendelssohn oder Erich Wolfgang Korngold, sondern zum Beispiel auch Miklos Rózsa, Ernst Toch oder Pavel Haas. Viele der Programme gab es schon als Vermittlungsprojekte für bzw. mit Schülern, Gastauftritte führten das Orchester unter anderem ins Gewandhaus und in den Sächsischen Landtag. Am Sonntag nun spielte die NJKD erstmals im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele.

Entdeckungsreisen und Begegnungsmöglichkeiten sind die Konzerte stets, schon die Lebensläufe der Komponisten, die viele neue musikalische Einflüsse aufgenommen und selbst beeinflußt haben, gehören dazu. Marc Lavry und Paul Ben-Haim (ursprünglich Paul Frankenberger) kamen aus Riga bzw. München, ihre Flucht führte beide nach Tel Aviv. Lavry hat die Gefühle, welche er mit dem Psalm »An den Strömen von Babel« verbindet, in der Tondichtung »Al Naharot Bavel« für Streicher formuliert. Vor allem der Sehnsucht (der im babylonischen Exil lebenden Juden) hat der Komponist eine Stimme gegeben, die Michael Hurshell gleich zu Beginn in der Cellogruppe heraufdämmern ließ. Die Violinen (Katharina Overbeck, Jan Paul Kussmaul) und das Violoncello (Hans-Ludwig Raatz) vertieften diesen sehr gesanglichen Eindruck solistisch noch weiter, die Tonlandschaft wurde vom Orchester jedoch auch kraftvoll beschrieben, worüber sich immer wieder Soli, vor allem des Violoncellos, mit berührender Innigkeit hoben.

Paul Ben-Haim hatte die auf der Flucht gemachten Begegnungen mit anderen Menschen, mit ihrer Kultur und Musik (sephardische und arabische Melodien), in seine »Pastoral Variée« (eine Dresdner Erstaufführung) einfließen lassen. Für das pastorale Klanggemälde hatte sich die NJKD die Unterstützung von Harfenistin Aline Khouri gesichert. Solist Ido Azrad (Klarinette) spürte den Klängen auf der Klarinette mit viel Feingefühl nach, hatte nicht nur einen weichen Ansatz, sondern konnte auch verschiedene Farbpaletten, sanft schimmerndes Pastell und lebendig funkelndes Kolorit, einbringen. Daß er ebenso kantabel wie rhapsodisch zu spielen vermag, durften die Zuhörer noch ein zweites Mal erleben.

Zuvor jedoch kehrte Michael Hurshell zu Erich Wolfgang Korngold und dessen Sextett Opus 10 in einer eigenen Bearbeitung für Streichorchester zurück. Hier war das Werk nun zum ersten Mal ganz zu erleben. Neben der wahrlich sinfonischen Kraft offenbarte dieses Stück ebenfalls eine große Nähe zur Gesanglichkeit – Korngolds berühmte Oper »Die tote Stadt« (Opus 12) sollte nur wenig später entstehen, und schon im Sextett findet man deren Melos‘ vor.

Georges Enescus »Rumänische Rhapsodie« Nr. 1 ließ zum Abschluß noch einmal das Instrument von Ido Azrad erzählen, der immer wieder mit den Solostimmen von Violinen oder Viola (Ronen Shifron) in Duette fand. Gewitzt und launig spielte der Klarinettist, wahrte dabei einen warmen Ton. Nun darf man gespannt sein auf künftige Entdeckungen des Orchesters.

3. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

Die nächsten Konzerte der NJKD sind für den Herbst geplant. Programme und weitere Informationen finden Sie unter: http://www.juedische-philharmonie-dresden.de/

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