Alle Farben der Seele – aus schwarzen und weißen Tasten

Grigory Sokolov im Kulturpalast

Grigory Sokolov ist kein glamouröser Starpianist, sondern einer für Kenner und Liebhaber – einer der besten. Einer, dem man nachreist (nach Leipzig zum Beispiel, wo er schon einige Male war), den man nur alle paar Jahre hören kann. Der in eine einsame, exklusive »Liga« weniger Auserwählter gehört. So wie Pierre Laurent Aimard. Der war vor einigen Jahren bei den Dresdner Musikfestspielen, um Grigory Sokolov hatte sich Festspielintendant Jan Vogler lange bemüht, doch er blieb ein Traum – bis jetzt. In Kooperation mit dem Veranstalter »Dresden Musik« ist es nun gelungen – am Dienstag gab Sokolov seinen ersten Klavierabend im Kulturpalast.

Ein erstklassiger Saal genügt freilich nicht, um ein Konzert entstehen zu lassen, denn neben dem Pianisten braucht »es« auch ein Publikum. Und das (mit vielen von weither angereisten Besuchern) erwies sich als ein stilles, diszipliniertes, genießendes. Und es bekam einiges geboten: zunächst Beethoven und Brahms.

Auch das gehört zu Grigory Sokolov, daß er zwischen den Stücken keine Pausen für Applaus läßt, eine Bindung schafft. Und das funktioniert – verblüffenderweise – immer wieder. Während mancher noch Angst hatte, ob da nicht jemand verfrüht, nach einem ersten Satz etwa, klatschen würde, wirkte bereits das Phänomen Sokolov, dessen natürliche, unprätentiöse Aura offenbar genügt, zu vermitteln, was hier wichtig ist: die Musik (und die Stille).

Natürlich wird dennoch aus Ludwig van Beethovens dritter Klaviersonate und seinen elf Bagatellen Opus 119 kein Zyklus – doch derlei Gedanken erweisen sich als akademisch. Es sind die Feinheiten der Artikulation, eine agogische Ausgewogenheit, mit der Sokolov die Musik neu zu schöpfen scheint. Spielerisch läßt er die Themen, Gegenthemen oder Begleitung von rechter und linker Hand ineinanderfließen, bleibt dabei stets individuell, weiß Rubati zu setzen und mit feinster Phrasierung kleine Details aufblitzen zu lassen, so daß man immer wieder meint, so habe man Beethoven noch nie gehört. Mit den Bagatellen eröffnete Grigory Sokolov einen weiten Himmel, der wie nebenbei Gesagtes (1.) ebenso enthielt wie Ergötzliches (3.), dramatisch Zugespitztes (8.) und Gesungenes (11.).

Nach der Pause folgten die Klavierstücke aus den Opus 118 und 119 von Johannes Brahms. Während bei Beethoven die strukturelle Klarheit des Geistes durch den Saal fegte, Impetus und Versonnenheit zusammenfanden, erklang nun der schwärmerische Dialog von Kopf und Herz – oder vielleicht von Eusebius und Florestan, Johannes Brahms und Clara Schumann? Sokolovs »Pranken« können die Tasten liebevoll umschließen, mit Gelassenheit abwarten, aus einem Wassertropfen einen Ozean formen (Intermezzo es-Moll aus 118) und überraschende Baßtupfer hervorbringen …

Der Blumenstrauß, den der Pianist am Ende bekam, war so prachtvoll wie sein Spiel. Doch: »Ende«?

Bei Grigory Sokolov gibt es immer einen dritten Konzertteil, sechs Zugaben sind »Pflicht«, das wissen die Zuhörer und verlangten es auch nachdrücklichst – Sokolov ließ sich bitten und bot schließlich noch ein Impromptu (Schubert), ein Intermezzo aus Opus 117 von Johannes Brahms, zwei Stücke aus den Pièces de clavecin (Rameau), ein Prélude (Debussy) sowie ein Poéme (Skrjabin) – und entließ seine verzückten Zuhörer in einen lauen Abend …

5. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

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