Vive Chopin!?

Orgelkonzert im Rahmen der Internationalen Dresdner Orgelwochen in der Frauenkirche

Der Titel überraschte zunächst, denn weder hat Frédéric Chopin Werke für die Orgel geschrieben, noch das Instrument (regelmäßig) gespielt. Auch Transkriptionen seiner Werke sind – anders als bei Bach, Bruckner oder Wagner etwa – keine Spezialität auf der Orgel. Wie ihn also ins Zentrum eines Orgelkonzertes rücken?

Andrzej Chorosiński hatte aber noch einige andere Musik seiner polnischen Heimat mit in die Frauenkirche gebracht. Er begann jedoch bei Bach bzw. Vivaldi: das Concerto a-Moll BWV 593 nach dem Concerto für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo (RV 522). Nun scheint die Orgel (oder Bach?) manchmal im direkten Vergleich mit den leichtfüßigen Violinen Vivaldis, die so schön jubilieren können, etwas bedächtiger, behäbiger. Ob Andrzej Chorosiński das ausgleichen wollte? Auf jeden Fall hatte seine Registrierung die obertonreichen Stimmen stark betont, so daß sie nicht nur etwas grell schien, sondern sich der Klang gerade in den Ecksätzen überschlug. Einschränkend war zudem ein Pfeifgeräusch, das sich jedoch nicht genau ausmachen ließ. Später, bei Mozart dann, war deutlich ein Klappern der Mechanik zu hören (was der Rezensent bei dieser Orgel und in diesem Raum noch nicht erlebt hatte).

Mit Mozarts Rondeau a-Moll KV 511 (Transkription: Bernhard Gfrerer) wurden die Töne »kleiner«, erinnerten an die Phantasien des Meisters oder an die »Stücke für die Flötenuhr« mit feinem Melodiewerk und zarter Begleitung.

»Lamentatio« von Alexandre Guilmant schien danach deutlich mächtiger, aber auch bedächtiger (wenngleich das störende Fiepen wieder auftauchte). »Lamentatio« ist ein Werk, das nicht eben »lamentiert«, es durchschreitet den Raum, durchmißt ihn. Andrzej Chorosiński ließ es schweben und verharren, worin sich wirklich beeindruckende Momente finden ließen.

Mit Frédéric Chopin – der immerhin den Titelimpuls gegeben hatte – brach diese Stimmung jedoch. Das berühmte Nocturne Es-Dur Opus 9 Nr. 2 klang nicht nur, als wäre es (mit leichter Flötenstimme) »zu klein« für das Instrument, wie schon bei Bach wählte Andrzej Chorosiński erneut ein deutlich zu flottes Tempo, so daß der Hall nicht genügend Zeit hatte, zu verklingen und sich die Töne verschwommen mischten.

Deutlich besser wurde es schließlich mit vier Werken, welche das Programm nun bereicherten: vier polnische Stücke von Marian Sawa (»Sequenz«) und Mieczysław Surzyński. »Sequenz« enthält eine messiaenische und sinfonische Farbigkeit, reiht mit expressiven Läufen immer neue Stimmungsbilder aneinander und schließt – trotz seiner großen Fülle, mit der Leichtigkeit eines Aufwindes.

Auch Mieczysław Surzyński wußte Orgelsinfonik und Leichtigkeit zu verbinden, am berückendsten vielleicht im Capriccio aus den Improvisationen Opus 36. Im Gegensatz dazu wuchsen die Elegia fis-Moll Opus 30 und die Choralimprovisationen über »Heiliger Gott« Opus 38 aus der schlichten, klaren Choralmelodie, die jedoch nicht gezwungen einen Gedanken faßten, sondern die Freiheit der Improvisation lebten – fabelhaft!

Für seine Zugabe gab sich Andrzej Chorosiński »unzeitgemäß« mit dem Frühling (Allegro) aus Vivaldis »Vier Jahreszeiten«.

4. Juli 2019, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s