Das verlorene Paar

Bayreuther Festspiele eröffnen mit »Tannhäuser« (Cineplex Rundkino Dresden)

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Am 25. Juli beginnen die Bayreuther Festspiele, meist mit einer Eröffnungspremiere und einer Übertragung. Im Internet und beim Bayerischen Rundfunkt kann man direkt mithören, andere Radiosender und das Kino senden um zwei Stunden versetzt (holen aber auf, weil sie die Bayreuther Pausen kürzen können). In diesem Jahr hatte Tobias Kratzer einen neuen »Tannhäuser« auf die Bühne gebracht.

DAS STÜCK

Tannhäuser, ein Sänger und Ritter, hat den Kreis der Wartburgbruderschaft einst aus Hochmut verlassen und sich im Venusberg der Leidenschaft hingegeben. Doch nun ist er des Feuers überdrüssig – ihm fehlt die wahre Liebe und er kehrt zurück.

Nach anfänglicher Skepsis wird er auf [der] Wartburg freudig empfangen. Der Landgraf von Thüringen ruft sogleich einen neuen Sängerwettstreit aus, der jedoch zur Auseinandersetzung wird (»Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg«, wie der vollständige Operntitel lautet): die Liebe sollen die Ritter besingen. Sie besingen sie auch – huldvoll, verehren die Tugend. Das reizt Tannhäuser – er, der die Leidenschaft erfahren hat, höhnt über die Blutlosigkeit der besungenen Liebe, doch sein sündhaftes Reden (bzw. Singen) entsetzt die anderen. Statt Elisabeth, die Tochter des Landgrafen, zu ehelichen (womit alle gerechnet haben), wird er verbannt.

Nur ein Weg bleibt Tannhäuser: nach Rom, zum Papst, Abbitte leisten. Doch Tannhäuser kehrt allein und nicht mit den entsühnten Pilgern zurück – der Papst hat ihn in ewiger Verdammnis gelassen.

DIE INSZENIERUNG

Tobias Kratzer ist ebenso jung wie opernerfahren. Dem Vernehmen nach soll er sich den Auftrag der Bayreuther Festspiele mit seiner Bremer Tannhäuser-Inszenierung von 2011 errungen haben. Damals übrigens in der Pariser Fassung (1861), in Bayreuth gibt es die frühere Dresdner (1845). Das »Konzept« nimmt zwei Verlagerungen vor: aus dem Mittelalter »transportiert« Tobias Kratzer »Tannhäuser« in unsere Gegenwart, und von (der) Wartburg ins Festspielhaus Bayreuth. Dieses Spiel mit dem Spiegel, den er allem und jedem vorhält und dabei vor Wagnerianern, Festspielen und Wagner selbst nicht haltmacht, ist äußerst belebend! Mit Videosequenzen läßt der Regisseur das Publikum hinter die Bühne und nach draußen schauen – schon zur Ouvertüre (Pardon – Vorspiel!) gibt es einen Film: Tannhäuser, ein Clown (Kostüme und Bühne: Rainer Sellmaier), ist mit einer Komödiantengruppe unterwegs. Deren Anführerin ist Venus, eine farbige Dragqueen (Le Gateau Chocolat) und ein Kleinwüchsiger (der Blechtrommler »Oskar« Manni Laudenbach) gehören als stumme Akteure dazu. Die Gruppe stiehlt und betrügt, doch als bei der Flucht von einem geprellten »Drive in« einer Burgerkette ein Mensch überfahren wird, ist Tannhäuser geschockt und »erwacht« …

Die Videos beleben nicht nur das Bild, sie zeigen ein Dahinter oder Gegenüber, doch letztlich entlarven sie nur bedingt, denn es ist klar, daß die Szenen gestellt sind (und vorab gedreht wurden). Überhaupt ist dies ein Hauptproblem der Inszenierung: im Kino waren diese Szenen prima, wie für die Leinwand gemacht, doch vor Ort? Auf der Bühne wirken solche Filmchen oft störend, vor allem, wenn dadurch – wie im zweiten Aufzug – der Bühnenraum beschränkt wird. Auf Wartburg (oder im Festspielhaus) nämlich agieren die Sänger in einem Kasten – Begrenzung und Beschränktheit ringsum – wollte man nicht gerade dagegen rebellieren?

Doch mit dem dritten Aufzug (und der Beseitigung des Kastens) kehrt die Lebendigkeit zurück. Bemerkenswert ist, daß Kratzer sein Tempo »hält«. Immer wieder spielt er Bezüge oder vielmehr Anspielungen ein: zu Beginn fährt die Venus-Truppe an einer Biogasanlage vorbei (die mangels Nachfrage geschlossen wird – wenig netter Seitenhieb auf Kratzers Vorgänger Sebastian Baumgarten), als Venus im zweiten Aufzug ins Festspielhaus eindringt, ruft der Inspizient bei der Chefin an – Katharina Wagner verständigt sogleich die Polizei – und selbst den Unfall der eigentlichen Venusbesetzung Ekaterina Gubanova, die während einer Probe stürzte und die Eröffnungsvorstellung absagen mußte, verarbeitet Kratzer noch in einem Sängersturz (vom Tisch) beim Preissingen. Das ist alles in allem nicht »lustig«, sondern durchaus witzig, durchdacht, pointiert und provokant (die Venus-Truppe eilt im Festspielhaus durch den Tunnel zur Bühne, wo sämtliche Dirigenten mit Portraits verewigt sind, und verweilt kurz, betrachtet die Bilder von Christian Thielemann und James Levine).

Trotz allen Spaßes (auch die Festspielleitung verfügt also über hinreichend Eigenironie) wahrt Kratzer aber den Abstand zum Slapstick. Dennoch darf man gespannt sein, wie er sein Konzept gerade in diesen Punkten weiterentwickelt. Ob er etwa immer neue Bilder einbaut? Die jetzt gezeigten verlieren sicher mit der Zeit an Kraft. Und: Dem Regisseur gelingt es, seine stummen und dazuerfundenen Protagonisten (be)ständig einzuweben, sie mitspielen zu lassen. Der Kleinwüchsige und die Dragqueen sind also Akteure und Partner und nicht nur »Spiegelungen« oder Kommentare – »Oskar« wird zum stummen Beistand Elisabeths.

Man darf also weiter gespannt sein – das Publikum reagierte am Eröffnungsabend viel mehr begeistert als ablehnend, und das, obwohl der Regisseur eine Wagner-Partitur (bzw. den Klavierauszug), die Tannhäuser noch in den letzten Fetzen seines Seesacks verwahrt hatte, immer dann einsetzt, wenn es um Gläubigkeit oder die Bibel geht. Am Ende wird sie zerfetzt, verbrannt, zum Schlußapplaus trampeln die Sänger auf den übriggebliebenen Seiten herum. Doch als ehrenrührig oder »Schändung« legt das niemand aus.

DIE AUFFÜHRUNG

Dafür war die Aufführung wohl zu kraftvoll, zu überzeugend. Tannhäuser (Stephen Gold) ist ein verlorener Held, da nützt ihm alle Kraft nichts. (Die Generalprobe lag diesmal ungewöhnlich kurz vor der Premiere, dazwischen hatte Gould noch an einem Wagner-Konzert teilgenommen – Gould scheint in Bestform.) Die Leidenschaft ist es, die Tannhäuser antreibt, doch der Mangel an (echter) Liebe und das Erkennen lassen ihn tief abstürzen. Gould läßt noch den Kinobesucher die Verzweiflung spüren: als die Pilgerreise erfolglos bleibt und Elisabeth tot ist – wer wollte da glauben, im erneuten Aufbruch mit Venus läge Glück?

Lise Davidsen stellt eine kraftvolle, ja kämpferische Elisabeth dar, die für ihren Tannhäuser eintritt, bereit ist, ihm zu vergeben und sich gegen alle zu stellen – doch sie verliert. Gerade in dieser Brüchigkeit, dem Zweifel stellte die Sopranistin die Ambivalenz der Figur heraus. Beide – Gould und Davidsen – begeistern eben damit, daß sie nicht strahlen, zumindest nicht nur. Tannhäuser kann, wenn er »Aufwind« spürt, bis zur Überheblichkeit glänzen, während Elisabeth im kurzen Augenblick das (vermeintliche) Glück der Braut – es müßte doch grenzenlos sein! – verkörpert. So mehrdimensional vielschichtig wie ihr Singen ist das Spiel der beiden, das gerade im dritten Aufzug berührt, zu Tränen rühren vermag!

Elena Zhidkova, die »eingesprungene Venus« (in Bayreuth bisher als Floßhilde und Schwertleite zu erleben), ist ein freches Luder (Pardon!), das sich einschleicht, grenzenlos liebt und betrügt und die Wartburggesellschaft (bzw. den Grünen Hügel) gehörig durcheinanderwirbelt. Sie bekam nach dem »verlorenen Paar« entsprechend den meisten Applaus.

Daß diese Gesellschaft gar nicht so »gestrig« ist, hat Tobias Kratzer mit seinem Ansatz bewiesen. Ihre Vielseitigkeit zeigt sich ja ebenso in den aufgeschlossenen Rittern und dem wohlwollenden Landgrafen (Stephen Milling). Mit Markus Eiche (Wolfram von Eschinbach) und Daniel Behle (Walther von der Vogelweide) verfügt Bayreuth nicht nur über glanzvoll schöne Stimmen, sondern – noch einmal – über differenzierte Darsteller. Markus Eiche muß hier besonders hervorgehoben werden, wie er im dritten Akt sein »Lied an den Abendstern« nicht »platziert«, sondern einflicht, wie er die Verletzlichkeit und Verführbarkeit Wolframs zeigt, der das Clownskostüm Tannhäusers findet, hineinschlüpft und für einen Augenblick dessen Rolle übernimmt – was bleibt, ist Verzweiflung, Verlust und Bitternis, zum Greifen nahe …

So überwogen am Ende die »Bravi« für das Regieteam, während die »Buhs« deutlich in der Minderzahl blieben. Allerdings hat sich auch Valery Gergiev einige davon für die musikalische Leitung »eingefangen«. Zwar weniger als der Regisseur, aber doch mehr als nur wenige. Es scheint also, als müßte Gergiev nach seinem Debut den akustischen Raum des Festspielhauses noch etwas ausloten. Freilich läßt sich das von den Kinobesuchern nicht differenziert feststellen.

DIE KINOÜBERTRAGUNG

Diese Kinoübertragung (im Cineplex Rundkino Dresden) hatte gleich mehrere Vorteile auf »ihrer« Seite, wie den klimatisierten Raum und die große Leinwand, was man so bei der späteren Fernsehübertragung nicht haben wird. Und Tobias Kratzers Konzept spielt dieser Leinwand in die Hände, denn viele seiner Videos sind dort nicht nur besser aufgehoben, sondern auch lebendiger, als sie es auf der Bühne sein können.

Weiterhin kann man feststellen, daß das Pausenprogramm mit den Jahren besser wird, seriöser, aber trotzdem »locker«, informativ und kurzweilig.

Bleibt abzuwarten, was im kommenden Jahr im Kino zu sehen sein wird, denn dann gibt es einen neuen »Ring«. Doch am 25. Juli läuft zunächst »Parsifal«, doch der wurde schon 2016 übertragen – oder gibt es die »Götterdämmerung«?

26. Juli 2019, Wolfram Quellmalz

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