Galant und elegant

Stuttgarter Kammerorchester musiziert mit Kit Armstrong in der Dresdner Frauenkirche

Carl Philipp Emanuel gilt heute als der berühmteste der Söhne Johann Sebastian Bachs. Zu seinen Lebzeiten übertraf die Berühmtheit des Sohnes allerdings sehr wohl jene des Vaters: sprach man von »Bach«, meinte man Carl Philipp Emanuel. Kollegen bewunderten und verehrten ihn gleichermaßen: »Er ist der Vater, wir sind die Bub‘n« schrieb Mozart, und Joseph Haydn machte sich – mit 56 Jahren selbst nicht mehr der Jüngste – auf den Weg, Bachs Witwe nach dem Tod Carl Philipp Emanuels in Hamburg zu kondolieren.

Am Freitagabend vereinte Matthias Foremny die drei Meister in einem Konzert mit ungewöhnlichem Format: auf zwei Haydn-Sinfonien sollten nach der Pause zwei Klavierwerke folgen. Letztlich entschied sich Foremny kurzfristig jedoch dafür, die Reihenfolge in Haydn – Bach – Mozart – Haydn zu ändern. Falsch war dies nicht, denn Haydn wurde als »Rahmen« keineswegs abgewertet, dagegen war die Pause zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Klavierkonzerten angebracht.

Carl Philipp Emanuel nämlich war noch dem silbrigen Cembalo verhaftet – sein Konzert a-Moll Wq 26 weist zudem in der Begleitung mancher Solopassagen durch Violoncello noch die Kombination von Harmonieinstrument und Baß auf, wie sie damals üblich war. Dabei wirkte der moderne Flügel allerdings recht dominant, was durch das dialogische Prinzip der Komposition und das vor dem Orchester (und nicht mittendrin) stehende Instrument noch betont wurde. An Artikulation mangelte es dem Pianisten Kit Armstrong keineswegs. Im Gegenteil kann er mit feinem, nuancierten Anschlag berühren und ist in der Lage, Kadenzen frei zu gestalten.

Dieses Vermögen kam bei Wolfgang Amadé Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 414) noch stärker zum Tragen. Obwohl auch Mozart den modernen Flügel natürlich nicht zur Verfügung hatte, ist sein Solopart doch deutlich exponierter als jener Bachs. Und wenn er dann so delikat vorgetragen (und vom Orchester begleitet!) wird, kann sich eine ungeheure Gesanglichkeit entwickeln. Kit Armstrong beeindruckte nicht nur mit seinen frei gestalteten und (zumindest teilweise) offenbar improvisierten Kadenzen, sondern auch mit Geschmeidigkeit und Brillanz – dem Veranstalter sei dafür gedankt, daß er einen so wunderbaren Bechstein-Flügel mit Silberklang bereitgestellt hatte. So vermischten sich der reich blühende konzertante Stil mit der kantilenen Intimität einer Klaviersonate.

Dem Stuttgarter Kammerorchester ist es auch gelungen, mit Haydns Sinfonien Nr. 65 und 80 nicht nur eine »Schleife« um die beiden Konzertstücke zu binden, sondern noch für einen lebendigen Spannungsbogen zu sorgen. Auch das gehört zu den positiven Errungenschaften der jüngsten Aufführungsgeschichte: Joseph Haydn wird nicht mehr als »Hors d-Œuvre« serviert, sondern ernstgenommen, was es erlaubt, seinen Humor, seinen Ideenreichtum, seine schier unglaubliche Phantasie und seinen zuweilen frechen Schalk zu ergründen. Matthias Foremny konnte sich auf die Lebhaftigkeit der Streicher ebenso verlassen wie auf die wirkungsvollen, wohlgesetzten Akzente der Bläser aus den hinteren Reihen. Und als Haydn seine Zuhörer mit einem repetierenden Ton neckte, ließ Foremny diesen langsam verblassen, um gleich darauf das Tutti um so wirkungsvoller zu setzen.

Als – nachdrücklich geforderte – Zugabe spendierten die Stuttgarter noch einen Satz aus Edward Elgars Streicherserenade.

20. Juli 2019, Wolfram Quellmalz

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