Vom Mittelalter bis zur Romantik

  1. Batzdorfer Barockfestspiele

»Barock« ist längst nicht mehr nur eines. Wir unterscheiden frühen und späten Barock oder Rokoko, nehmen die Zwischen- oder Übergangsperioden stärker, eigenständiger wahr, vermeiden auch allzu eindeutige Festlegungen – sie würden nur »typisieren«. Je nach Region begannen und endeten die Epochen ohnehin unterschiedlich.

In Batzdorf reichten die Barockfestspiele vom Mittelalter bis in die Romantik, zu der Georg Poplutz mit Franz Schuberts »Die schöne Müllerin« heute aufschließt. »Zart besaitet« wird er dabei von Antje Asendorf (romantische Gitarre) und Stefan Hladek (Quintbaßgitarre) begleitet.

Zum Auftakt am Dienstag gab es »Die schöne Magelone«, aber nicht von Tieck / Brahms, sondern »Die schoen Magelona, eine fast lustige Historie von dem Ritter mit den silbern Schluesseln und von der Schoenen Magelona, gar lustig zu lesen«, die Übersetzung des französischen Drucks (Lyon, 1480) von Veit Warbeck.

»Gar lustig« las an diesem Abend Corinna Harfouch im vollbesetzten Rittersaal, bereicherte die endlos verworrene Geschichte mit pointierten Gesten – manch einer mochte angesichts der Länge der Abenteuer Sorge haben, ob sich denn Ritter Peter und Magelona letztlich noch »kriegen« würden (und ob Magelona dann noch im gebärfähigen Alter sei). Christine Maria Rembeck (Sopran, Harfe und Tamburin), Johanna Seitz (Harfe) sowie Stephan Rath und Stefan Maass (Lauten) sorgten für stimmungsvolle Intermezzi und ließen die Zuhörer zwischendurch aufatmen.

Mit »Taußent Gulden« setzten capella vitalis berlin die Barockfestspiele am Mittwoch fort. Sie hatten aus den Sammlungen »Codex Rost« (um 1680) und »Partiturbuch Ludwig« (1662) Stücke für Violinen (Almut Schlicker und Wolfgang von Kessinger), Viola da Gamba (Friedrike Däublin) und Cembalo (Gösta Funck) mitgebracht. Die Viola wechselte dabei die Rolle, war mal Teil des Basso continuo, dann wieder Gesangsstimme. Zu hören waren Kleinodien, so kunstvoll wie die Schmuckwand hinter der Bühne. Und manches davon kannte man in anderen Fassungen, wie Johann Heinrich Schmelzers »La pastorella«, das auch mit dem Text »Venite ocius, transeamus usque in Bethlehem« gesungen wird.

Die capella vitalis berlin spielte Sonaten in Vielfalt, voller Einfallsreichtum, Überraschungen und Humor. Schmelzers witziger Dudelsackimitation »Polnische Sackpfeiffen« stand die Zugabe, eine Sonate Antonio Bertalis, in nichts nach!

Weltliche und geistliche Vokalmusik des 17. Jahrhunderts präsentierte am Donnerstag die Opella Musica unter der Leitung des Gewandhauschorleiters Gregor Meyer (auch Orgel). Festspiele, zumal in Batzdorf, bieten nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form besonderes. Und so begann das Konzert mit einer launigen, aber niveauvollen Moderation (Gregor Meyer) in der Eingangshalle, wo das Ensemble neben Hans Leo Haßler und Michael Praetorius die (fast noch) Zeitgenossen Johannes Muntschick und Volker von Wangenheim erklingen ließen.

Mit einem umfangreichen Auszug aus Johann Hermann Scheins »Israelbrünnlein« fand der Abend im Rittersaal seine Fortsetzung. Nicht nur Homogenität und Stimmschönheit galten hier, sondern eine höchst lebendige Individualität der Lieder, die sich um so viel zu Herzen oder zur Seele gehendes ranken. Isabell Schicketanz und Heidi Maria Taubert (Sopran), Susanne Langner (Alt), Tobias Hunger (Tenor) und Friedemann Klos (Baß) wußten das eine zu erfreuen und die andere zu berühren und fanden in den Kompositionen immer wieder Entfaltungsraum für individuelle Stimmen – wunderbar!

30. August 2019, Wolfram Quellmalz

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