Die Fragilität der Stimme

Gidon Kremer und Martha Argerich mit einer Gratwanderung im Gewandhaus zu Leipzig

Neben den Großen Klavierabenden und den kammermusikalischen Spielreihen im kleineren Mendelssohnsaal gibt es im Leipziger Gewandhaus immer wieder Kammer- oder Liederabende im Großen Saal. Martha Argerich (Klavier) und Gidon Kremer (Violine) näherten sich hier gestern viele Male dem Liedgesang. Ihr Konzert gehörte zu einer Reihe, die noch bis zum 15. Februar den Komponisten Mieczysław Weinberg zu dessen 100. Geburtstag in den Fokus nimmt. Weinberg, in Polen geboren, mehrfach geflohen und auch in der Sowjetunion verfolgt, war ein begnadeter Komponist, dem Dmitri Schostakowitsch mehr als Freundschaft, Anerkennung und Wohlwollen entgegenbrachte. Schostakowitsch hatte Weinbergs Talent klar erkannt, respektierte und achtete ihn als Kollegen und setzte sich mehrfach für den jüngeren ein. Anderenfalls –wer weiß das? – wäre er heute vielleicht ganz vergessen.

Zwei Werke Mieczysław Weinbergs standen im Zentrum des Abends, bildeten einen Nukleus: vor der Pause hatte Gidon Kremer die Sonate Opus 86 für Violine solo dargeboten, nach der Pause schloß er – nun wieder mit der Pianistin verbunden – mit jener für Violine und Klavier Opus 53 an. Obwohl man von »anschließen« nicht wirklich reden kann: zehn Jahre liegen zwischen den Werken. Den ganzen Lebensabschnitt, dessen »Klang« hineinzulegen, wäre sicherlich nicht zutreffend. Dennoch wird man angesichts der fragil scheinenden Musik dazu verführt, Parallelen zu ziehen. Brüchig, einsam rief die Violine …

Gidon Kremer und Martha Argerich fanden sich gerade in diesem Feinsinn, in einem Nachspüren, das die Suche offenbarte, nicht in der Präsentation des gemeinsam Gefundenen. Voller Sprünge gebärdete sich die zuerst gespielte, aber später entstandene Solosonate. Kremer mußte streichen und zupfen, als sei es eine Étude, eine Suite des Études, und doch brach sie ihm nicht, so brüchig ihr Rufen auch manchmal schien. Gidon Kremer spielte von einer zarten Seele, die verlassen, verloren scheint, aber atmet, lebt, sucht … Das Lento malte – einer Rettung gleich – eine Lichtung, bevor das Presto erneut karg, kantig, »baltisch« schloß, ein Presto ohne den Druck des Getriebenseins übrigens.

Wie ein bedächtiges Lied erklang nach der Pause die ungleiche Schwester. Kremer und Argerich spielten, Rücken an Rücken, zwei einsame Individuen, die sich in der Stimmung, in der Sinnlichkeit und der Aussage trafen. Im letzten Satz – auch dieser ist mehrteilig und hält Wendungen bereit, Kontraste, mit denen Weinberg offenbar gern spielte – war es erneut das Lento, das überraschte, befreit, als schwinge sich ein Vogel auf.

Mit Sergej Prokofjew (Sonate Opus 942) hatten die beiden Ausnahmekönner den Abend begonnen (und hatten bereits da einen extralangen Auftrittsapplaus bekommen). Schon hier offenbarte Kremers Violine eine filigrane Artikulation – einen Ansatz, dem Argerich geschmeidig folgte. Soviel zum Etikett der »Tastenlöwin«.

Das kantige, rauhe, strukturelle lag beiden besonders, so war die Umstellung zu Franz Schuberts Sonate für Violine und Klavier A-Dur (D 574) am Ende schließlich groß. Auch hier, im Scherzo. Presto oder im Allegro vivace fand sich die klare Artikulation wieder, Allegro moderato und Andantino dagegen hätten etwas mehr »Kante« vertragen und klangen – gerade im Verhältnis mit dem übrigen Programm – fast weich, das Andantino wie eine Romanze.

Martha Argerich und Gidon Kremer blieben auch in den Zugaben, Astor Piazzolla und Ludwig van Beethoven (Allegro molto aus der »Frühlingssonate«), einfühlsam, selbst wenn sie nun etwas schwärmerisch wurden – durften sie!

17. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

nächstes Konzert aus der Reihe Fokus Weinberg: 17. November 2019, 18:00 Uhr, Gewandhaus zu Leipzig, Mendelssohnsaal, Gewandhaus-Quartett und Dmitry Masleev (Klavier), Quintette von Mieczysław Weinberg und Dmitri Schostakowitsch

Tip: 29. März 2020, 20:00 Uhr, Gewandhaus zu Leipzig, Großer Saal, Liederabend, Matthias Goerne (Bariton) und Víkingur Ólafsson (Klavier), Ludwig van Beethoven »An die ferne Geliebte« und Franz Schubert »Schwanengesang«

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