Im Farbenrausch

Dresdner Philharmonie und Rafael Payare im Sinfoniekonzert

Mit einem Programm großer Stimmungsbilder und von enormer Farbenkraft debütierte Rafael Payare am Wochenende bei der Dresdner Philharmonie. Gleichzeitig war es der erste von sechs Abenden mit Werken des aktuellen »Composer in Residence« Brett Dean. Dean, ehemaliges Mitglied der Berliner Philharmoniker und seit langem ein arrivierter Komponist, war bisher in Dresden unterrepräsentiert. Dabei erweisen sich seine Werke oft als von großer Spannung und Suggestionskraft geprägt. Doch sein erstes Streichquartett »Eclipse« vor sechs Jahren war bisher wohl leider einmalig in der Region.

»Amphitheatre«, als »Szene für Orchester« untertitelt, gewinnt seine Struktur aus einem Akkordschlag, der sich zunächst in ein untergründiges Grollen, Wabern und Weben aufzulösen scheint, sich dann aber als motivische Sequenz (wieder) zu erkennen gibt. Das Motiv bzw. der Partikel wandert durch das Orchester, gewinnt an Farbe und Kraft und wechselt beides, als sei er ein Chamäleon. Er steigert sich und kreist und man meint fast, in einem Amphitheater zu sitzen und ihn ringsum laufen (oder reflektieren) zu hören. Doch dabei verlor sich das Stück auch ein wenig, endete mit Schlag-Synthesizern und in die Tubentrichter spielenden, gestopften Trompeten. Einfach nur Spielerei? Vielleicht steckt wirklich nicht mehr im Stück, vielleicht vermochte Rafael Payare ihm nicht mehr zu entlocken? Trotz vieler Stimmungsschnitte fehlte es diesmal an der erwarteten Spannung und Suggestion. Entsprechend »mau« war der Applaus, der nicht einmal ausreichte, den Dirigenten noch einmal hervorzuholen.

Dabei hätte es so schön sein können, wäre das Publikum nicht nur wegen Ludwig van Beethovens »Tripelkonzert« gekommen. Doch so war es wohl – allerdings gab es dafür auch einen formidablen Anlaß: Guy Braunstein (Violine), Alisa Weilerstein (Violoncello) und Inon Barnatan (Klavier) sind zwar kein ausgesprochenes Klaviertrio, das heißt sie spielen nicht in einem festen Ensemble, doch kennen sie sich so gut, daß man es hätte annehmen können (zumindest Weilerstein und Barnatan sind schon öfter gemeinsam aufgetreten). In Beethovens Opus 56 waren sie der bestimmende, nach vorn gerückte Teil, um den sich das Orchester gruppierte. Payare beließ der Philharmonie einen schlanken, kraftvollen Klang – romantisch mit einem Bewußtsein um die Rezeption der historischen Aufführungspraxis, dabei kammermusikalisch durchhörbar. Mit einem äußerst flinken Scherzo aus Mendelssohns erstem Klaviertrio als Zugabe sorgten die drei Solisten nach Beethoven durchaus für einen »dramaturgischen Bruch« – musikalisch »passend« war das sicher nicht, aber es fokussierte noch einmal auf das beeindruckende Trio – vielleicht kehren sie einst als Kammermusiker zurück?

Guy Braunstein nutzte sogleich die Möglichkeit, ins Orchester zu schlüpfen – ein Vertrauensbeweis einerseits (auch gegenüber dem Dirigenten), erinnert es zudem daran, daß dem Solistenleben manchmal etwas fehlt, was vielleicht nicht jeder erwarten würde: die Freude am Spielen im Orchester und an den Stimmen einer Sinfonie.

Die »Fantastique« von Hector Berlioz stand auf dem Programm. »Schon wieder« könnte man fast sagen, denn nachdem sie während der Phase des Umherwanderns im Albertinum erklungen war, stand sie im neueröffneten Kulturpalast gerade erst vor zwei Jahren auf dem Programm. Mit Passion, Marsch und Hexensabbat enthält auch sie Szenen, die natürlich eindrucksvoller ausfielen als jene von Brett Dean. Fein gelangen die Soli, gerade von Oboe (Johannes Pfeiffer) und Englischhorn (Isabel Kern), eindrucksvoll staffelte Rafael Payare die Bilder – an Farbkraft mangelte es bei weitem nicht. Die »Visitenkarte« war also in kräftigen Hochglanzfarben abgegeben, ob der Dirigent ebenso zu Pastelltönen, zu feiner Suggestion findet, wird er sicherlich bald zeigen dürfen.

27. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

nächste Konzerte mit Werken von Brett Dean:
Kammerkonzert auf Schloß Albrechtsberg (8. / 12. Januar 2020)
Klavierkonzert »Gneixendorfer Musik – eine Winterreise« im Sinfoniekonzert am 14. / 15. März 2020 sowie

Violinkonzert »The Lost Art of Letter Writing« im Sinfoniekonzert am 28. / 29. März

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