Schuberts Gegenwelten

Mitsuko Uchida eröffnet Spielzeit der Palastkonzerte in Dresden

Das macht wohl kaum einer außer ihr: einen Beethoven-Abend zu gestalten scheint im Vergleich viel leichter, als mit Sonaten des grüblerischen, noch mehr in sich gekehrten Franz Schubert die Spannung über zwei Stunden zu halten. Schon einmal war Mitsuko Uchida, die mittlerweile wohl mehr Wienerin als Japanerin ist, dies gelungen: im April letzten Jahres hatte sie im Leipziger Gewandhaus bereits drei Sonaten gespielt – sich aber schon damals nicht auf eine eingängige Trias »die letzten drei« oder ähnliches festgelegt, sondern Stücke aus unterschiedlichen Schaffensperioden ausgewählt. Am Sonntagabend begannen die zu den Dresdner Musikfestspielen gehörenden »Palastkonzerte«, welche Höhepunkte außerhalb der Festspielzeit bieten, mit einem Klavierabend der Ausnahmepianistin. Auf dem Programm standen die Sonaten a-Moll (D 537) und B-Dur (D960) sowie das Fragment »Reliquie« (C-Dur / D 840).

Eine eindeutige Stimmungslage oder Aussage, ein extrovertiertes Sich-an-den-Zuhörer-wenden findet man hier freilich nicht. Franz Schubert war viel zu sehr mit dem Suchen beschäftigt und spielte seine Werke – wenn überhaupt – nur im kleinsten Kreis. Das schließt einen vollgriffigen Impetus, einen kraftvollen Impuls keineswegs aus – daß Uchida zupacken kann, bewies schon ihr Beginnen. Wer kommt oder kam Schubert denn so nahe wie sie außer vielleicht ein Alfred Brendel, ein Wilhelm Kempff? Mitsuko Uchida scheint mit Schubert zu grübeln, mit ihm zu suchen, sich mit ihm zu vertiefen. Sie legt (s)eine impulsive, fast schreiende Seele offen, verinnerlicht sich aber gleich darauf erneut mit ihm. Die Balance liegt bei Mitsuko Uchida gerade in einem Ungleichgewicht, daß das Suchen kennzeichnet, gerade darin fasziniert sie und zeigt, wie komplex die Sonaten sind.

Allein schon die »Reliquie« – das soll ein »Fragment« sein? Nicht nur im Umfang ist sie kolossal, sie führt auf einen Gipfel, den nichts zu übertrumpfen können scheint – kein Wunder, daß Schubert den Versuch einer Vollendung abbrach.

Uchida wandelte zwischen den Tönungsstufen der Schattierung, ohne schattenhaft zu werden oder sich zu verlieren. Schubert – Uchida – brach auf, schien auf Brahms‘ Intermezzi hinzuweisen (D 537), atmete Freiheit, wie er in der inneren Einkehr das höchste Glück der Vollendung fand. Und er (sie) ließ vieles offen – oft enden Sätze oder Abschnitte nicht mit dem betonten Akkord, sondern mit einer sanften Wiederholung desselben, als wollte Schubert uns fragen »meint ihr nicht auch?«

Und so fand Mitsuko Uchida im Baßtriller der letzten, vollendetsten Sonate (D 960) mehr als ein Grollen, Dräuen und Ankündigen – bei ihr schien er fast liebevoll. Die Sätze zwei, drei und vier band die Pianistin – soweit es die Unruhe im Publikum in den Zwischenpausen zuließ – zu einer Einheit, an deren Ende Schubert schließlich doch auftrumpfte, aufstampfte, seine ganze Kraft zeigte, die aus dem Andante sostenuto so zwingend wächst – unerkannt, unergründlich, phantastisch. Da mögen kleine »Wackler« gewesen sein, eine in der Rasanz und nach dem kraftraubenden Abend falsch gedrückte Taste – na und? Wer wollte das »beckmessern«, wenn es so voll Ausdruck blieb?

Und dann? Was und wieviel kommt nach drei Schubert-Sonaten als Zugabe? Nein, kein Impromptu, keine vier, fünf oder sechs Encores. Nur eine Winzigkeit kündigte Uchida mit einem Fingerzeig an und selektiert – delikat! – eine Miniatur (»Aveu«) aus Robert Schumanns »Carnaval«.

28. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

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