Kein Funkensprühen

Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper

Natürlich will man zu Silvester etwas »Spritziges« erleben, auch in der Musik. Bevor am Neujahrstag der Wiener Walzer für neuen Schwung sorgt, stehen am Vorabend oft Operetten auf dem Programm der Theaterhäuser. Wer eine Repertoirevorstellung der »Fledermaus« überbieten will, muß sich dabei schon etwas Besonderes einfallen lassen. Doch darf man sich fragen, ob eine Operette »konzertant« oder Auszüge allein der »Hits« den gewünschten Schwung zu bringen vermögen. Immerhin hat Franz Lehárs »Das Land des Lächelns« ein Format, das ohne Kürzungen und ohne Pause in eineinhalb Stunden aufgeführt werden kann. Auf überleitende Moderationen konnten Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle daher verzichten.

Doch der rechte Schwung wollte sich am Montagabend in der Semperoper noch nicht einstellen, obwohl das Konzertzimmer, mit Spiegeln und farblich ausgeleuchtet, an einen Ballsaal erinnerte. Daran konnten selbst die zugkräftigen Namen der Solisten (Jane Archibald / Lisa und Erin Morley / Mi, beide Sopran sowie die Tenöre Pavol Breslik / Prinz Sou-Chong und Sebastian Kohlhepp / Gustl) nichts ändern.

Den Bühnenlichtfarben setzten die Musiker der Staatskapelle jene der Lehár’schen Musik entgegen, die fernöstliche Klänge (Gong, Oboe, Klanghölzer) und den Wiener Charme der Streicher (mit kleinen Tonverschiebungen) verbindet. Wie schon in den letzten Konzerten justierte Christian Thielemann hier und da nach, meist um das Orchester leiser, feiner klingen zu lassen, ließ es aber manchmal auch »laufen«, statt stur den Takt zu schlagen. Das eine oder andere Mal trat er vom Pult herunter, blieb seitlich, um die Sänger besser einzubinden. Nicht immer wirkte diese Kommunikation zuverlässig oder organisch, mitunter schien es, als wolle der Dirigent die Sänger nicht nur stimmlich animieren, sondern noch plazieren.

Gerade da, in der Bühnenanwesenheit oder (-abwesenheit), hakte es manches Mal. Warum man hier nicht wenigstens etwas mehr szenisch gedacht hat, bleibt unverständlich. So wirkten die vielen Ab- und Aufgänge spröde, ein versteckter Kuß hinter dem Fächer (Gustl / Mi) ziemlich wirkungslos, und ausgerechnet das an Lisa gerichtete »Du bist mein ganzes Herz« sang Pavol Breslik für das Publikum – schon zwei Nummern später ist die Liebe zerbrochen. Lisa, die für den Prinzen von Wien nach China gegangen war, muß feststellen, daß sie in dieser Welt nichts ist, der Prinz wiederholt »Dein war mein ganzes Herz«.

Jane Archibald, die sonst bei Mozart und im italienischen Fach zu Hause ist, fehlte es nicht nur an Unbeschwertheit, sondern ebenso an Leichtigkeit. Stark ausvibrierte Vokale erinnerten mit ihrem schweren Glanz eher an (Richard) Strauss und erschwerten zudem die Verständlichkeit. Erin Morley klang zunächst noch etwas abgedeckt, entwickelte aber schon in ihrer ersten Szene einen Charme, welcher den anderen Rollen fehlte. Pavol Bresliks Prinz war stimmlich glänzend, doch das »Herz« war am Montag wohl noch nicht ganz dabei, die Fallhöhe von »Dein ist« zu »Dein war« blieb unspektakulär. Spielerischen Esprit zeigte am ehesten Sebastian Kohlhepp, der die leisen Zwischentöne wie die ausdrucksstarken beherrscht und den meisten Ausdruck auf die Bühne brachte. Der Chor konnte hier und da noch etwas Schmückendes hinzufügen, gerade mit den Frauenstimmen (Chor der Sklavinnen). Etwas szenischer hätte auch er das Stück sicher noch belebt.

31. Dezember 2019, Wolfram Quellmalz

Das Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle ist noch bis zum 29. Dezember 2020 in der Mediathek des ZDF abrufbar.

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