Dramatischer Vivaldi

Vivica Genaux und Concerto Köln in der Dresdner Frauenkirche

Daß es die Amerikanerin dramatisch mag, wissen Musikfreunde seit langem. In der Dresdner Frauenkirche hatte Vivica Genaux vor einigen Jahren schon ein dramatisches Orpheus-Programm dargeboten. Nun kam sie mit Arien des Venezianers Antonio Vivaldi, die dessen ganze Gestaltungsvielfalt und -kraft aufzeigten, hierher zurück.

Der Begriff »Mezzosopran« war am Freitagabend sofort in Frage gestellt, denn auf »Mezzo« allein beschränkte sich Vivica Genaux nicht, sie drang dramatisch bis in den Sopran vor, bewies aber auch die abgründige Tiefe eines Alt oder gar Altisten, wandelte in Werken einer Zeit, die noch von Kastratensängern geprägt war. Vivica Genaux stand den heutigen Countertenören und Altisten kaum nach und kam deren Klangfarbe manchmal erstaunlich nahe. Nicht nur in »Tu dormi in tante pene« (Du schläfst in großen Schmerzen, Arie der Servilia aus »Tito Manlio« RV 738) hätte man schwer sagen können, ob hier ein Mezzo oder Altus sang.

Doch Genaux‘ Stimme kann viele Charaktere annehmen. Mit Licoris Arie »Alma oppressa« aus »La fida ninfa« (RV 714) hatte sie den Abend schillernd und leuchtkräftig begonnen, später ließ sie ihren Mezzo in »Gelido in ogni vena« (Farnace in der gleichnamigen Oper, RV 711) einfühlsam herabsinken, wozu Concerto Köln die Eiseskälte der Szene in Vivaldis »Winter«-Manier eingeleitet hatten.

Das Orchester präsentierte sich gewohnt makellos, ließ sich zusätzlich aber von Genaux‘ Feuer anstecken und versprühte Leidenschaft. Nach der Pause – Vivica Genaux hatte auch einen optischen Wandel von schwarz-weiß auf rot vollzogen – gab es mit »Non mi lusinga vana speranza« (Oronte in L’incoronazione di Dario, RV 719) eine wahre »Feuerarie«!

Doch die Sängerin vermochte noch mehr. Ob sie vor Eifersucht raste, vor Schiffbruch bangte oder die Ränke einer Thronbesetzung beschrieb – stets »zündelte« die Donna, bei der sich jedes »secunda« verbietet, wofür ihr musikalischer und dramatischer Ausdruck allein genügt hätte, der Show Drumherum mit Blicken, Gesten und Winken hätte sie gar nicht bedurft. Es ging aber auch mit ungeheurer Eleganz, wie »Sposa son disprezzata« (Asteria in Il Bajazet, RV 703) bewies.

Concerto Köln begeisterte als ebenso kundiger wie emotionaler und sicherer Begleiter, der nicht wenig zum szenischen Gehalt der Arien beitrug. Darüber hinaus brillierte das Ensemble mit Concerti zwischen den Opernausschnitten und stellte die verschiedenen barocken Violinschulen Italiens vor: von den noch im gewohnten Stil der Kirchensonaten, gleichwohl einfallsreich und effektvoll komponierenden Brüdern Castrucci über den innovativen, melodisch begeisternden (und nach wie vor zu entdeckenden) Baldassare Galuppi bis zum modernen Vivaldi – fabelhaft! So wie Genaux bodenlose Tiefe darstellte und den Hall der Spitzentöne wie Pfeile in die Kirchenkuppel schleuderte, fachte Concerto Köln mit Tremoli die musikalische Glut an, ließ das wogende Meer schäumen und kam im szenischen Eis keineswegs zum Stillstand.

15. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

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