Mahlers überlanger Abschied

Gedenkkonzert der Sächsischen Staatskapelle

Am Tag der Zerstörung Dresdens erklingen in den Gedenkkonzerten der Staatskapelle meist Requien, Messvertonungen, im vergangenen Jahr ein Stabat Mater. Der Donnerstag war der mittlerweile 75. Jahrestag, und bei dem Dirigenten Daniel Harding hätte man zum Beispiel Benjamin Brittens War Requiem erwarten können, nebenbei gesagt ein großartiges Werk. Doch der Music Director des Sveriges Radios Symfoniorkester nahm statt dessen zwei Werke ins Programm, welche dezidiert mit dem Abschied einer bestimmten Person verbunden sind und damit dem Erinnern eine individuelle Richtung ermöglichten.

Benjamin Britten gilt für viele als ein legitimer Nachfolger Henry Purcells. Beide verbindet eine tief berührende Sanglichkeit gerade bei mit Text verbundener Musik. Purcells Abschiedsworte galten Queen Mary, zu deren Beisetzung 1695 die Musik for the Funeral of Queen Mary gespielt wurde. Mit je vier Trompeten, Posaunen, Pauken und Orgel besetzt, ist sie symmetrisch in zwei Märsche gefaßt, die im Wechsel mit Chorpassagen und zwei Canzonen erklingen. Daniel Harding nahm sie beinahe theatralisch, ließ im ersten Marsch die Blechbläser ungemein sanft, fast leise beginnen und langsam crescendieren, so als kämen die Musiker langsam näher. Dem Sächsischen Staatsopernchor (Einstudierung: Gerd Amelung) gelang eine einfühlsame Ausgestaltung der purcelltypisch schönen Strophen. Während »Man that is born of a woman« (Der Mensch, vom Weibe geboren) in anmutiger Schlichtheit verharrte, war »In the midst of life we are in death« (Mitten im Leben sind wir im Tod) vom Voranschreiten (hier: des Lebens) und einem damit verbundenen Ziel, der Hoffnung geprägt. »You knowest, Lord, the secrets of our hearts« (Herr, Du kennst unserer Herzen Geheimnisse) stellt die Polyphonie bereits hinter eine schlichte Melodie zurück, Purcell gab die Mehrchörigkeit jedoch nicht auf, sondern beließ sie bei den mit dem Puls von Orgel und Pauke belebten Blechbläsern, vielfarbig temperiert und sanglich genußvoll.

Nun sind zum Gedenkkonzert Applaus und eine Pause nicht üblich. Ob Daniel Harding Gustav Mahlers zehnte Sinfonie deshalb »attacca« anschloß? Als pragmatische Idee mag das nachvollziehbar sein, als musikalische jedoch nicht – in Tonlage, Stimmung und Charakter sind beide Werke zu unterschiedlich, der direkte Anschluß erwies sich als musikalischer Bruch.

Wo Purcell den Abschied im Tod eines verehrten Menschen findet, ist Mahlers Sinfonie (für uns) mit dessen eigenem Ableben verbunden. Er legt dabei ein Innenleben offen, das uns heute durch Briefe, Kommentare und sonstige Rezeption bekannt ist (ob all das, was geschrieben oder vermutet wurde stimmt, sei dahingestellt). Hinzu kommt, daß die Sinfonie unvollendet blieb und eine »Vervollständigung« oder »Aufführungsversion« (in diesem Fall von Deryck Cooke) immer ungenau und fragwürdig ist. Mancher empfindet diese Fortschreibung als Anmaßung, weshalb meist nur das von Mahler als erster Satz hinterlassene Adagio gespielt wird.

Mahler konnte in seinen Gesten ungemein tiefgründig und selbstreflektierend sein, aber auch weitschweifig, episch, monströs. Insofern war nach Purcell nun zusätzliches Sitzvermögen gefragt (das ganze Werk aus fünf Sätzen mißt über 70 Minuten!). In seiner Interpretation bewies Daniel Harding jedoch Stringenz, Zugewandtheit und Gestaltungskraft. Zentral wirkten die Ecksätze, doch ließ der Dirigent nicht nach, Bezüge nachzuzeichnen, im Detail zu verharren und Schattierungen zu zeichnen, wie im Thema des ersten Satzes, das in der Wende von den ersten zu den zweiten Violinen einen ungeheuren Kontrast fand, das anschließende Schweben in den Violen war ein Genuß! Während die Blechbläser ein Schimmern wie von dämmerndem Licht auslösten, kündeten die Holzbläser mittendrin vom fröhlichen Leben – dieses Adagio war in der Tat nicht als Schlußpunkt gedacht, die als Schrei Alma Mahlers identifizierte »Klangballung« erwies sich als doppelter Mittel- und Ursprungspunkt. Das vorläufige Ende der Sinfonie geschieht im Aushauchen, ist von einer Ermüdung gekennzeichnet.

Zwei Scherzi hatte der Komponist vorgesehen, doch so wie er im Adagio einen (vielleicht sarkastischen) Humor einfließen ließ, sind seine Scherzi nicht »lustig«: Harding wies gerade in der Entwicklung vom Purgatorio zum zweiten Scherzo auf die Abgründe hin. Das Finale führte in finstere Tragik, blickte aber noch einmal zurück – es war ein facettenreicher Blick, den die Staatskapelle gewährte, auf faszinierende Weise bedrückend.

14. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

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