Sinnlich und prächtig: Bach und Zelenka

Dresdner Kammerchor im Konzertsaal des Kulturpalastes

Am frühen Sonntagabend war der Dresdner Kammerchor wieder einmal im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes zu Gast. Für drei Werke von Johann Sebastian Bach und Jan Dismas Zelenka hatte er das Wrocław Baroque Orchestra als Unterstützer eingeladen. Doch ein Kammerchor und ein Barockorchester im großen Konzertsaal – ist das nicht vollkommen falsch?

Nein, hatte der Leiter des Kammerchores Hans-Christoph Rademann vorab im Interview gesagt. Der Saal sei mit seiner akustischen Qualität gerade für eine solche Besetzung geeignet, das habe er schon in einer Aufführung von Bachs h-Moll-Messe erfahren. Für Sonntag versprach Rademann Glanzstücke des Barock.

Diese Glanzstücke waren Bachs Motette »Singet dem Herrn ein neues Lied« (BWV 225) sowie das Magnificat (BWV 243), außerdem stand Zelenkas Te Deum a due cori (ZWV 146) auf dem Programm. Mancher ging vielleicht mit Skepsis zum Konzert, denn in Dresden kennt man solche Werke und Besetzungen vor allem aus der Annenkirche, die hervorragend dafür geeignet ist. Doch Hans Christoph Rademann wischte die Skepsis mit einem gezielten Fingerzeig beiseite. Nachteilig spürbar war der andere Raum (akustisch »trockener«) natürlich in jenen Momenten, in denen eine Pause den Text unterbricht und der Nachhall des Kirchenschiffes wirken sollte, wie im Eingangschor des Te Deums sowie im Fecit potentiam (Magnificat).

Der Kammerchor (Einstudierung: Tobias Mäthger) beeindruckte mit seiner klaren Verständlichkeit und großen Homogenität. Nicht eine historisch »korrekte« Aufführung war hier entscheidend, sondern eine sinnliche Werkausdeutung. Leicht romantisierend folgte Hans-Christoph Rademann einer für viele bis heute gültigen Auffassung, wie sie nicht zuletzt Carl Friedrich Zelter und Felix Mendelssohn geprägt hatten. Mendelssohn hat 1829 Bachs Matthäuspassion in der Berliner Singakademie, das heißt dem Konzertgebäudes am Festungsgraben, wiederaufgeführt.

Für eine dezidierte Ausleuchtung der Solostimmen sorgten Isabel Schicketanz (Sopran), Maria Stosiek (als Sopran und Mezzosopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Tobias Berndt (Baß). Die mitunter betörenden Stimmen (vor allem Schicketanz und Reinhold) fügten sich zu einem homogenen Ensemble vor dem Kammerchor, verbanden sich aber auch mit diesem. Überhaupt war die Wechselwirkung zwischen Solisten und Chor außerordentlich, wie die Wiederholung von Aria und Chor »Gott, nimm dich ferner unser an!« / »Wie sich ein Vat’r erbarmet« in Bachs Motette zeigte, für die Hans-Christoph Rademann mit einer veränderten Aufstellung einen Betonungseffekt fand: während die Aria zunächst solistisch besetzt war, sah er für die Wiederholung zwei gleichwertige Chöre vor.

Das Wrocław Baroque Orchestra erwies sich auf alten Instrumenten als kundiger Interpret, der geschmeidig begleiten, aber auch farbenprächtig hervortreten konnte. Immer wieder fielen besonders die Flöten (Dóra Ombodi, Małgorzata Klisowska) ohrenschmeichelnd auf, während sich Solooboe (Marek Niewiedział) schon im Eingangschor der Motette oder mit dem Terzett von Sopran, Mezzosopran und Alt mischte, als wäre sie die vierte Singstimme.

Die Entfaltung der barocken Glanzstücke wurde durch die Programmgestaltung, die mit Blechbläsern und Pauken begann und endete, kräftig unterstrichen. Mancher wünschte sich vielleicht einen direkten Vergleich mit dem Klang in einem Kirchenschiff, wer weiß? Zunächst gab es noch einmal das Gloria Patri aus dem Magnificat als Zugabe.

17. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Dresdner Kammerchores: 7. März, Manchester, Bridgewater Hall, Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 4 und Messe C-Dur Opus 86 mit Emily Dorn (Sopran), Rachel Frenkel (Alt), Luis Gomes (Tenor), Evan Houghes (Baß), BBC Philharmonic Orchestra, Omer Meir Wellber (Leitung), weitere Konzerte mit Beethoven-Schwerpunkt finden im April in Brügge, Coesfeld und Dijon statt

Nächstes Konzert in Dresden: 30. Mai, Annenkirche, Ernst Krenek »Die Jahreszeiten«, Johannes Brahms »Fünf Gesänge« Opus 104, Felix Mendelssohn Bartholdy »Sechs Lieder im Freien zu singen« Opus 59, Antonín Dvorák »In der Natur. Fünf Chorlieder« Opus 63 sowie Max Reger »Drei Chöre« Opus 39, Hans-Christoph Rademann (Leitung)

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