Don Carlo als Kammerspiel

»Aufklang!« in der Semperoper

Don Carlo Aufklang
Gelungene Rückkehr: Mariya Taniguchi (Tebaldo), Sebastian Wartig (Marquis de Posa), Elena Maximova (Prinzessin Eboli), Johannes Wulff-Woesten (Bearbeitung / Musikalische Leitung), Yusif Eyvazov (Don Carlo), Tilmann Rönnebeck (Filippo II.), Alexandros Stavrakakis (ein Mönch), Photo: Sächsische Staatsoper, © Daniel Koch

Am Freitag öffneten sich wieder die Türen der Semperoper. Rund ums Haus waren die Pforten geöffnet, um das Publikum zum »Aufklang!« einzulassen. Im Mai hätte die Dresdner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis »Don Carlo« in der Regie von Vera Nemirova mit Christian Thielemann am Pult Premiere gehabt, hätte … Aktuell steht die Premiere nun am 10. April 2021 im Plan der Semperoper, allerdings ohne Anna Netrebko und ohne Christian Thielemann.

Jetzt aber konnte sich das Haus freuen, daß zur Wiedereröffnung die beiden ursprünglich geplanten Stars, neben Anna Netrebko (Elisabetta) übernahm deren Mann Yusif Eyvazov die Hauptrolle, zur Verfügung standen. Nachdem Netrebko in den letzten Wochen gar nicht oder nur in Lied- bzw. Galaformaten zu erleben war, gab es zumindest jetzt eine Annäherung an das Format Oper – die Chance wollte man sich wohl nicht entgehen lassen. Ein »ganzer« Don Carlo in der geplanten Fassung mit vier Akten und einer Spieldauer von nahezu vier Stunden (mit Pause) war natürlich nicht möglich, dennoch gab es am Ende mehr als die auf dem Programmheft versprochenen »konzertanten Höhepunkte« aus Verdis Drama. Und das ist zunächst Johannes Wulff-Woesten zu danken, der binnen kürzester Zeit eine Kammerfassung mit den Hauptfiguren erstellt hat. Große Szenen mit Chor waren allerdings ebensowenig möglich die eine Besetzung mit Kammerorchester, wichtige Szenen wie das Autodafé mußten daher entfallen. Die Aufgaben der Blechbläser übernahm das Harmonium (Jobst Schneiderat), das auch sonst für harmonischen Gehalt sorgte. Daneben ergänzten drei Holzbläser und drei Streicher sowie Johannes Wulff-Woesten, der vom Klavier aus die Vorstellung leitete, die musikalische Begleitung.

Eine geschlossene Form war in dieser ausgedünnten Fassung natürlich nicht möglich, selbst wenn manche Überleitung, wie zwischen dem Quartett Elisabetta – Eboli – Posa – Filippo und der anschließenden Aussprache zwischen Elisabetta und Eboli im dritten Akt, oder dem Entsagungsduett Elisabetta – Don Carlo und dem Schluß, erhalten blieb. Nicht nur wer sich am Programmhefttext, der die ausgewählten Szenen im Gesamtkontext wiedergab, orientierte, konnte an dieser Darstellung aber seine Freude haben. Denn obwohl Sänger (rechts) und Musiker (links) streng getrennt blieben und der Aktionsraum eingeschränkt war, ging die musikalische und dramaturgische Stimmung weit über das hinaus, was bei Galas mit herausgelösten Höhepunkten zwangsläufig passiert. Das lag nicht zuletzt am Sängerensemble, das zwar nicht so fest zusammenwachsen konnte wie in einer richtigen Produktion, das aber Emotionalität vermittelte und szenischen Gehalt wiedergab. Mit feinem Timbre wußte Sebastian Wartig (Marquis de Posa) zu beeindrucken. Er erreicht Bühnenpräsenz scheinbar mühelos, kann sich auf Detailarbeit und Phrasierung verlassen. Wenn leicht angeschnittene Töne nach oben glitten, schien Wartig zu schweben. Damit war er nicht nur wichtiger Partner im »Freundschaftsduett«, sondern tragende Säule des Abends.

Die Präsenz von Anna Netrebko und vor allem Yusif Eyvazov war zunächst vor allem auf Lautstärke gegründet, was bei der zugelassenen Teilbesetzung des Zuschauerraumes manchmal für Echoeffekte im Saal sorgte. Während Netrebko anfangs ihren typischen Ton noch gezielt zu formen schien, wurde sie zunehmend freier und dramatisch wirksamer. Das gehauchte »Oh Carlo!«, als sie den Geliebten zurückweisen muß, enthielt alle Liebe Elisabettas. Yusif Eyvazovs Dominanz blieb dagegen kraftbetont. Anders als Tilmann Rönnebeck (Filippo), der den absolutistischen König zwar mächtig tönen läßt, ihm die Sicherheit der Macht aber auch ins stimmliche Fundament legte. Elena Maximova hielt für Prinzessin Eboli einen differenzierten Klang bereit: Zart und einfühlsam war sie die Liebende Filippos, doch durchlief sie außerdem die Wandlung von Verrat zu Läuterung. Mit mal sanften, mal leicht rauchigen, herben Tönen fanden Schönheit im Klang und Brüchigkeit im kurzen szenischen Ablauf eindrucksvoll zusammen.

Ergänzt wurde das Ensemble von einem auf wenige Stimmen reduzierten Staatsopernchor sowie von Alexandros Stavrakakis (ein Mönch) und Mariya Taniguchi (Tebaldo).

Wesentlich für die gelungene Kammerfassung und den Zusammenhang war die Orchesterbegleitung. Oft verlegen sich Bearbeiter darauf, Stimmen mit zugeordneten Bläsern einzeln zu verstärken oder ihnen ein Echo zu geben, was aber in die Überbetonung führt. Johannes Wulff-Woestens Übertragung war jedoch theatergerecht, differenziert und feinfühlig. Im Schleiertanz konnte so auch die einzelne Flöte das Feuer bei absteigender Tonleiter intonieren.

20. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

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