Die Rückkehrer

Gegenüberstellung von Sinfonien und Quartetten geht, wenn auch etwas anders, weiter

Die Idee Marek Janowskis, Sinfonien und Streichquartette Ludwig van Beethovens gegenüberzustellen, hatte sich als außerordentlich reizvoll erwiesen. Nicht zuletzt, als der neue Konzertsaal des Kulturpalastes seine hervorragende  kammermusikalische Qualität offenbarte. Nun hatten die Dresdner Philharmonie und ihr Chefdirigent umplanen müssen. Zwar wurde dabei das Programm »Fokus Beethoven II« mit der ersten Sinfonie sowie den Quartetten Opus 18 Nr. 4 und 5 verkleinert, doch mit Sinfonie Nr. 99 (einer »Londoner«) Joseph Haydns, der immerhin zeitweilig Beethovens Lehrer gewesen war, und dem Quartett Opus 18 Nr. 2 (G-Dur) wahrte es im Kern die ursprüngliche Idee. Auch der Partner blieb erhalten: das Quatuor Ébène aus Frankreich.

Ähnlich wie in der Vorwoche saßen die Philharmoniker mit Sicherheitsabstand und Plexiglasschutz vor den Bläsern. Daß Geiger eigentlich Pultnachbarn sind, ist kein Pragmatismus und keine Sparmaßnahme, sondern trägt wesentlich zur Homogenität des Orchesterklangs bei. Derzeit geht das nicht. Insofern kann man nur staunen, was Marek Janowski dennoch schafft. Natürlich bieten Joseph Haydns Sinfonien eine aus den Tanzsätzen hergeleitete klassische rhythmische Struktur, die man herausarbeiten kann, langsame Sätze bieten oft ein Verweilen in gesanglichen Akzenten. Die Stückauswahl ist also ebenso wichtig wie die Sitzordnung, denn ob sich komplexere Werke, Schumann etwa oder späte Beethoven-Sinfonien, verlustfrei unter den neuen Bedingungen aufführen ließen, darf man bezweifeln.

Doch Verluste gab es in der letzten Zeit genug, gestern stand vor allem das Aufatmen im Vordergrund. »Freude« war nicht nur Motto des Programms, die Freude, endlich wieder einmal ins Konzert gehen zu können, sprachen viele Besucher direkt aus. Sie verband sich mit Haydns Musizierfreude, welche die Philharmonie vermittelte. Der erste Satz schien zu Beginn tatsächlich noch »dünner«, vielleicht eine Folge der langen Pause des Probens und Konzertierens, vielleicht war dies auch die Grenze des derzeit Möglichen. Doch mit dem Erwachen Haydns heiterer Empfindungen war dieser kleine Effekt verschwunden. Das Adagio blühte geradezu in musikalisch reichem Ton, immer wieder traten vor allem Flöte (Karin Hofmann) und Oboe (Undine Röhner-Stolle) mit solistischem Blinken hervor, im dritten Satz gesellte sich ihnen ein fröhlicher Fagott-Baß hinzu.

Summa summarum ist der Orchesterklang also gut, die Plexiglaswände vor den Bläsern dienen dem Schutz der vor ihnen sitzenden Streicher, beeinträchtigen das akustische Erlebnis jedoch kaum. So war die Freude ungetrübt.

Sie blieb, die Freude, denn das Quatuor Ébène gilt zu recht als Beethoven-erfahren oder gar Beethoven-wissend.

Sein Opus 18 Nr. 2 erklang äußerst differenziert, nicht nur in Anlage und Verständnis, sondern auch in den unterschiedlichen Stimmen. Höchst interessant, wie Pierre Colombet und Gabriel le Magadure (Violinen), Marie Chilemme (Viola) und Raphaël Merlin (Violoncello) mit ihrem Vibrato für Akzente sorgten, gar nicht gleichmäßig, sondern wandelbar Stimme und Dramaturgie folgten. So bekamen die sich über ihre Partner erhebenden Violinen einen silbrigen, leicht gedämpften Klang in den Obertönen, erhielten die vier Musiker eine große Individualität ihrer Instrumente, ohne aber den harmonische Quartettverbund zu verlassen. Beherzt zupackend in den Ecksätzen, lebhaft im Scherzo, zeigten sich aber gerade in den leisen Passagen des Adagios cantabile so zarte, brüchige Passagen, daß der Satz beinahe etwas wundervoll Fragmentarisches bekam – großartig! Über eine Zugabe hätten sich viele sicher gefreut.

Wegen der eingeschränkten Möglichkeiten der Saalbesetzung (es können etwa nur ein Viertel der vorhandenen Sitzplätze vergeben werden), wurde das Konzert am späteren Abend noch einmal wiederholt. Der Deutschlandfunk hat es (wie den 1. Teil im Februar) aufgezeichnet und wird es zu einem späteren Zeitpunkt ausstrahlen.

19. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Dresdner Philharmonie: »Classique«, mit Solisten des Orchesters und Vasily Petrenko (Leitung), Es erklingen Joseph Haydns Sinfonia concertante B-Dur für Oboe, Fagott, Violine, Violoncello und Orchester, Gabriel Faurés Suite ›Pelléas et Mélisande‹ sowie Sergei Prokofjews Sinfonie classique: 4. (19:30 Uhr) und 5. (18:00 Uhr) Juli, Kulturpalast Dresden

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