Variantenreicher Saisonbeginn, Teil 1

Musiker des Gustav Mahler Jugendorchesters eröffnen Spielzeit der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Seit vielen Jahren mittlerweile besteht die Tradition, daß das Gustav Mahler Jugendorchester am Vortag oder – wie im vergangenen Jahr – am Vormittag des Spielzeitbeginns bei der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper einkehrt. Nicht nur namhafte Solisten und Dirigenten stehen dann auf dem Programm, sondern auch sinfonische Werke, die ein Orchester in Mahler- (oder Bruckner)-Dimension erfordern. So hatte Herbert Blomstedt 2019 Mahlers »Rückert-Lieder« und Anton Bruckners sechste Sinfonie dirigiert.

In diesem Jahr ist nun alles anders, und so blieb vom GMJO »umständehalber« nur ein Bruchteil übrig. Immerhin zwölf Musikerinnen und Musiker saßen in den Streichern, dazu kamen fünf Akademisten der Staatskapelle, die – Konzertmeister Matthias Wollong voran – den dritten Teil des Klangkörpers stellte. Man konnte wahrlich von einem »Projektorchester« sprechen, wohlgemerkt einem, das nicht für das Projekt erfunden worden war, sondern das auf der Tradition und Kooperation zweier bedeutender Institutionen beruhte.

Wie im vergangenen Jahr übernahm Bariton Christian Gerhaher die Solistenrolle im Liedteil. Doch statt bekannter Orchesterlieder war diesmal Othmar Schoecks »Elegie« zu hören, ein Zyklus von 24 Liedern nach Gedichten Nikolaus Lenaus und Joseph von Eichendorffs. Es ist ein ungemein bannender Liederkreis, der ähnlich Schuberts »Winterreise« oder »Die schöne Müllerin« den Abschied, die Liebe und den Tod aufgreift, oftmals aber noch düsterer, endgültiger gerät. Viele der Verse waren bereits vor Schoecks Opus 36 vertont worden, doch sind sie eben gerade nicht im Kanon von Schubert, Schumann oder Mahler zu finden und daher dem Konzertbesucher von heute weniger selbstverständlich. Reizvoll ist übrigens ein Vergleich der bereits vorliegenden Kompositionen, immerhin sind solche von Hugo Wolf (»Liebesfrühling«, »Stille Sicherheit«, »Herbstentschluß« nach Nikolaus Lenau), Max Bruch (»Der Einsame [Einsiedler]« / Eichendorff), Erich Wolfgang Korngold (nach den Eichendorff-Gedichten »Vesper«, »Angedenken«) oder Felix Mendelssohn (»Herbstklage« / Lenau) dabei. Mendelssohn hatte auch »An den Wind« in ein schlichtes Balladenkostüm gekleidet, seine Schwester Fanny die »Wehmut« betörend romantisch vertont.

Othmar Schoecks Auffassung unterscheidet sich grundsätzlich von der seiner Vorgänger, ist natürlich hochromantisch beeinflußt, fokussiert Stimmen und Stimmungen beinahe szenisch. Das Kammerorchester mit Holzbläsern, Hörnern und Streichern – übrigens mit Violinen in der Minderzahl – formiert sich für jedes Lied neu, manche Stimmen (Klavier) schweigen in einzelnen Gedichten, sorgen dann aber für Affekt. Der Eindruck wird noch verstärkt, da Schoeck die Verse nicht immer gleichmäßig faßt.

Dirigent Duncan Ward gelang eine klare, luzide Zeichnung der Stimmung, aber auch eine Balance, denn einzelne instrumentale Solisten treten mit einer Singstimme hervor, wie das Violoncello im »Herbstgefühl«. Im darauffolgenden »Das Mondlicht« wiederum fanden die Bläser zu einem zauberischen Celestaklang zusammen. Im Ausdruck waren der Liederzyklus großartig – Christian Gerhaher gelang es, durchdacht, dosiert und psychologisch auszuloten und entlockte unter anderem dem fahlen »Waldgesang« eine Todesahnung und Bodenlosigkeit, die bestürzend war und keinerlei romantischen Spuk mehr enthielt.

Leider jedoch lag beim Bariton, der so phantastisch deklamieren kann, ein großes Manko – warum nur sang er denn so leise? Um ihn wirklich zu »verdecken«, war das Orchester schlicht zu klein. Gerhaher kann es ja lauter, ohne an Differenzierung, an Ambivalenz zu verlieren, ohne eben die Bodenlosigkeit einzubüßen. Gerade weil es sich eben nicht um bekanntes Liedgut handelte, wäre die Verständlichkeit wichtig gewesen. Doch viele Versanfänge waren so verhaucht, daß selbst das Mitlesen schwierig wurde.

Nach der düsteren, todesnahen »Elegie« brauchte es eine optimistische Auffrischung. Franz Schuberts Sinfonie B-Dur D 485 erinnert in Gestus und Anlage an Mozart (wie dessen G-Dur-Sinfonie KV 550), ohne von einer Attitude der »Herkunft« oder gar Nachahmung belastet zu sein, vor allem, wenn das Werk so leicht und unbeschwert dargeboten wird wie von diesem Orchester! Duncan Ward ließ die Musiker von Staatskapelle, GMJO und Akademie befreit und elegant aufspielen, achtete auf ein wohlgeordnetes Maß und rhythmische Bestimmtheit. So schien auch das zu Schuberts Zeit im Grunde »überholte« Menuett frisch. Über die Sätze gelang eine sachte Temposteigerung, die dem Allegro vivace ein Finale mit Esprit bescherte. Daß die Holzbläser manchmal ein wenig über den Streichern lagen, ließ sich da verkraften. Die gewohnte Homogenität – noch dazu bei gemischtem Orchester – ist unter den gegebenen Bedingungen der Aufstellung eben nicht zu erreichen. Das Publikum verließ die Semperoper beschwingt und durchaus beglückt.

30. August 2020, Wolfram Quellmalz

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