Schönheit im Detail

Bernhard Hentrich mit Werken für Violone und Violoncello im Bergpalais Pillnitz

Mit seinen Auftritten am Wochenende konnte Bernhard Hentrich gleich zwei Kammerkonzertreihen verspätet aufnehmen: Am Sonnabend war er im Bergpalais des Pillnitzer Schlosses zu Gast, am Sonntag konnte man sein Programm in der Hoflößnitz erleben. Im Mittelpunkt standen Solowerke für Violoncello bzw. Violone – zwei Baßinstrumente, deren Bauformen und Spielarten in Renaissance und Barock für uns immer noch nicht bis ins letzte ergründet sind. Die Annäherung fiel in jedem Fall genußvoll und spannend aus.

Auf dem Programm standen einmal mehr auch solche Komponisten, die dem Namen nach zwar recht wenig bekannt sind, sie in eine »zweite oder dritte Reihe« einzuordnen hieße jedoch, ihr Schaffen zu verkennen und sich eine beglückende Repertoirebereicherung zu versagen. Giuseppe Colombi, Domenico Galli, Domenico Gabrielli und Giovanni Battista Vitali gehören den norditalienischen Schulen an, Orte wie Bologna oder der Hof von Modena verbinden sie, doch beweist ihr Schaffen eine reiche Blüte der Musik in der Region, und das eben nicht nur für die berühmte Schwester Violine. Zum umfangreichen damaligen Œuvre gehörten neben Opern und anderen Gattungen ganz selbstverständlich Stücke für Violoncello. Sie halten eine ungeheure Vielfalt in Form und Ausdruck bereit, woraus sich nur auf eine beeindruckende Vitalität und Könnerschaft der damaligen Musiker schließen läßt. Die musikalischen Einfälle gingen dabei weit über eine bloße Idee hinaus – so verbirgt sich in Giuseppe Colombis »Tromba« (Trompete) mehr als die rhetorische Figur oder ein Imitat. Sie fungierte als Intrada des Konzertes, das Bernhard Hentrich auf dem Violone von Peregrino Zanetto di Monteciaro aus dem Bestand des Kunstgewerbemuseums begann. Und auch Giovanni Battista Vitalis Idee über ein simples achttöniges Thema erwies sich als ergötzlich, nicht nur, weil das Publikum das Thema mitsummen durfte. Jeden Ton kostete Bernhard Hentrich aus, folgte sinnlichen Kantilenen, sorgte aber mit aufgerauhten Tremoli, ungewöhnlichen Tempovariationen und virtuosen Verzierungen für individuellen Ausdruck und belebende Frische.

Eine Sonata (Nr. II) Domenico Gallis zeigte wie Domenico Gabriellis Ricercari 2, wie verspielt und variantenreich damals mit den Formen umgegangen wurde. Im Charakter näherte sich Bernhard Hentrich in den Teilen ursprünglichen Tanzsätzen an, so daß man statt der »strengeren« Sonate zuweilen an eine Suite erinnert war. Somit blieb die Solostimme nie kärglich, einsam oder klein, Reichtum und Genuß lagen hier im Detail, dem mit rechtem Taktmaß Raum gegeben wurde. Auf die kurze Pause vor dem Schlußton hätte Bernhard Hentrich vielleicht verzichten können, die (zusätzliche) Betonung schien überflüssig, der war Vortrag ohnehin bannend.

Johann Sebastian Bachs Suite für Violoncello solo Nr. 6 (BWV 1012) stellt den Interpreten insofern vor ein Problem, daß Bach das Werk für ein fünfsaitiges Instrument geschrieben hat (das normale Violoncello hat vier), schon das »Cello« an sich ist strittig. Bernhard Hentrich kann auf eines von Marx (Markus) Straub zurückgreifen, das über fünf Saiten verfügt. Singend schwebte es in den oberen Lagen, selbst die dunklen Töne leuchteten im Prélude, die Allemande war voller Ruhe und Licht.

Auf dem Violone klingt Bach natürlich auch, wie die Sarabande aus der dritten Suite als Zugabe bewies.

31. August 2020, Wolfram Quellmalz

Alte Musik im Kunstgewerbemuseum geht weiter. Bereits am kommenden Sonnabend findet 17:00 Uhr das zweite und schon letzte Konzert in diesem Jahr statt. Anke Strobel (Barockvioline), Uta Büchner (Violoncello / Violone) und Sebastian Knebel (Cembalo) spielen Werke von Christoph Bernhard, Johann Paul von Westhoff, Johann Jakob Walther, Johann David Heinichen, Nicola Antonio Porpora und Francesco Maria Veracini.

Der Freundeskreis des Kunstgewerbemuseums sucht für den Ankauf dreier historischer Holzblasinstrumente Unterstützer. Die beiden Flöten und die Klarinette sind derzeit im Bergpalais zu sehen. Informationen und Termine unter: http://www.fk-kunstgewerbemuseum.de/musik-im-wasserpalais.html

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