Variantenreicher Saisonbeginn, Teil 2

Sächsische Staatskapelle beginnt mit Wagner und Strauss

Obwohl manches anders ist in diesem Jahr, sind bestimmte »Faktoren« geblieben: Der Spielzeitbeginn ist (in der Regel) Chefsache und bringt die Hausheiligen auf die Bühne. Seinen Bruckner-Zyklus hat Christian Thielemann glücklicherweise längst abgeschlossen, denn der wäre unter den derzeitigen Umständen sicher nicht möglich gewesen. Doch mit Werken von Richard Wagner und Richard Strauss waren trotzdem zwei der für die Kapelle wichtigsten Komponisten vertreten.

Es war eine Riesenbühne. Nicht aus klangästhetischen Gründen, sondern wohl Teil des Hygienekonzepts. Und so herrschten statt der feierlichen Ruhe vor dem Beginn auch Verhältnisse, wie man sie von amerikanischen oder englischen Orchestern kennt: die Musiker sitzen auf der Bühne und spielen sich ein, dann kommt (unter Applaus) der Konzertmeister dazu.

Kurz nach acht – der Mitteldeutsche Rundfunk übertrug direkt – war es dann soweit, es konnte losgehen. Statt des zweiten Programms im ersten Sinfoniekonzert gab es allerdings noch einmal das erste, denn Anja Harteros hatte krankheitsbedingt leider absagen müssen. Anja Kampe, die schon am Sonntag im Programm mitgewirkt hatte, sang somit noch einmal die Wesendonck-Lieder.

Für den Rahmen sorgten Kompositionen von Richard Strauss für kleines Orchester: Ouvertüre und Tanzszene aus »Ariadne auf Naxos« (Bearbeitung) und das Duett-Concertino für Klarinette und Fagott mit Streichorchester und Harfe erwiesen sich als große kleine Werke. Denn sie lockten mit Farben und Harmonik, die sofort in die Oper versetzten (Ariadne) oder staunen ließen, daß man so etwas so selten hört (Duett). Zunächst spielte im Duett nur das Quintett der Stimmführer (im Orchester gab es keine Bläser), Wolfram Große (Klarinette) und Philipp Zeller (Fagott) traten als virtuose Spieler und Erzähler (vor allem das Fagott) hinzu und zeigten, daß beide Instrumente über wunderbare Stimmen verfügen und das Fagott beileibe mehr als »nur« ein Baß ist. Dem Orchester entlockte Christian Thielemann typisch Strauss’sche Klänge, die aber nicht mit Wucht daherkamen, weniger einen Sog der Kraft erzeugten, sondern federnde Leichtigkeit hatten. Dabei gelangen wunderbar feine Tupfer, wie der Schluß des Ariadne-Ausschnittes, der langsame Satz des Concertinos klang hinreißend märchenhaft!

Anja Kampe begann die fünf Wesendonck-Lieder mit viel Vibrato, doch was zunächst schien, als wäre es bewußt eingesetzt, um einen großen Klang zu erzeugen, verlor schnell die Bestimmtheit des Gewolltseins. Die Sopranistin kann fabelhaft deklamieren, sinnlich und reif betonen. Die Nähe der Lieder zu den in gleicher Zeit entstandenen Opernwerken ist spürbar, und so setzte Felix Mottl, von dem die Orchestrierung stammte, bewußt auf die Harmonik von »Tristan« (wofür Wagner selbst bereits die Basis geschaffen hatte). Betörend war die Sinnlichkeit, die hier entstand, von Anja Kampe ebenso hervorgebracht wie vom Orchester, das mit einzelnen Soli oder Instrumentengruppen (Violen) für Gänsehaut sorgen kann!

Es war schlicht verblüffend: Kammerbesetzung und riesige Abstände verhindern geradezu die gewohnte Homogenität, doch die Staatskapelle läßt diesen Verlust kaum spüren. Im Abschluß, Richard Strauss‘ »Metamorphosen«, wuchs daraus gar eine Heterogenität, die von der dichten Verschlingung der Einzelstimmen getragen wurde. Mitunter wuchsen die dreiundzwanzig Streicher gar nicht zur Gruppe, sondern spielten einzelne Stimmen. Plötzlich hörte man – ganz durchsichtig! – kleine Soli oder Reflexionen von einem der hinteren Pulte. Die dem Werk innewohnende Tragik wurde so geradezu greifbar, verbanden sich doch Wehmut, Bestürzung und die Individualität des Alleingelassenen (oder Übriggebliebenen) – Strauss hatte sein Entsetzen angesichts der von ihm geliebten Orte nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges in dem Werk beschrieben.

Die Kapelle kann also trotz Pause und Auflagen berühren, hat ihre Qualität nicht verloren. Nun bleibt nur zu hoffen, daß für kommende Konzerte die Bedingungen besser werden – für beide Seiten: damit die Fortsetzung des Beethoven-Zyklus‘ gelinge, aber auch, damit wieder mehr Publikum in die Semperoper darf. Die vereinzelt sitzenden Besucher sind nicht nur ein trauriger Anblick, sie sind noch dazu ein akustisches Manko, selbst wenn es gestern kaum spürbar wurde.

2. September 2020, Wolfram Quellmalz

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