»Young Artists« in der Dresdner Frauenkirche

Trio Marvin kurz, aber überzeugend

Konzerte finden derzeit noch ohne Pause statt, immerhin reicht der Spielraum dennoch an die neunzig Minuten – und sollte doch genutzt werden (ohne das letzte Quentchen auszuquetschen). Vom Trio Marvin zum Beispiel hätte man gerne mehr gehört als nur Franz Schuberts Opus 100. Mit mehr als einer dreiviertel Stunde hat es zwar eine für ein Trio imposante Länge, doch als einziges Werk in einem Konzertprogramm unterschreitet es alle vorgegebenen Beschränkungen deutlich.

Dabei hatte das Trio Marvin noch ganz andere Hürden zu meistern: einen Tag zuvor mußte Pianistin Vita Kann gesundheitsbedingt absagen, womit der Auftritt insgesamt in Gefahr geriet. Zwar sagen manche, ein Trio sei noch lange nicht so sensibel und verfugt wie ein Quartett, ein Partner der Formation läßt sich dennoch nicht ohne weiteres ersetzen. Glücklicherweise fand sich mit Dasol Kim jedoch nicht nur ein veritabler Kammermusiker und Kenner des Stücks, sondern auch einer, den das Trio schon seit Jahren kennt. Marina Grauman (Violine) und Marius Urba (Violoncello) konnten ihm also vertrauen.

Und das war gut. Denn da, wo vor Wochenfrist die Violine noch erhebend ihren Klang schweben lassen konnte, war der Nachhall des Kirchenraumes dem Kammermusikstück eher entgegengesetzt. Damit umzugehen erfordert Sensibilität sowie einen sicheren und vertrauensvollen Umgang miteinander. Die Voraussetzungen dafür waren offenbar gegeben. Und da, wo die Gewohnheit fehlte, wurde sie durch Aufmerksamkeit ersetzt. Der Mut zum Risiko wurde belohnt und erhielt Schuberts Trio seine bahnbrechende Lebendigkeit.

Weich und zugleich kontrastreich waren die beiden Streicher, das Klavier meist etwas prägnanter, woraus sich ein gemeinsamer Klang und ein Schweben wie gegen Ende des Allegros ebenso ergeben konnte wie die Gegensätze fröhlicher Oberstimmen und dräuenden Basses. Das Andante con moto begann mit einem Lied für Cello, später spürte Marina Grauman Schuberts lyrischem Sinnen nach. Den Kontrast fanden die drei gemeinsam in verschiedenen Stufungen, manchmal mit kontrapunktischer Klarheit, dann wieder anschmiegsam und fast verwischt. Interessant war das Gegenüber von perkussivem Klavier und Pizzicato der Streicher wie auch das Korrespondieren von Baßtriller und Tremolo. Auch in den Tempi blieb das Trio flexibel, womit es die Spannung erhielt – kein unwesentlicher Anspruch bei über 45 Minuten Musik!

Franz Schuberts zweites Klaviertrio vereinigt beides in sich: die dunkle Tiefe und Doppelbödigkeit der späten Klaviersonaten und die freie, einfallsreiche Entwicklung wie in der Phantasie D 934. Vielleicht hätte das Trio Marvin in Originalbesetzung noch mehr in dieser Art bieten können, immerhin gibt es von Schubert zum Beispiel weitere Triosätze. Für dieses Mal wandten sich Dasol Kim, Marina Grauman und Marius Urba einem ganz anderen Melos zu und boten als Zugabe eine Bearbeitung von Peter Tschaikowskys »Herbstlied« (Oktober aus den »Jahreszeiten«).

12. September 2020, Wolfram Quellmalz

Die Debut-CD des Trios Marvin ist bei Genuin erschienen. Sie enthält das Klaviertrio Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch sowie das Opus 24 seines Schülers und Freundes Mieczyslaw Weinberg.

In den nächsten Konzerten in der DresdnerFrauenkirche sind unter anderem zwei Pianisten zu erleben. Denys Proshayev spielt Werke von Bach, Chopin, Skrjabin und Schubert (25. September, 20:00 Uhr), nur wenige Tage später (28. September) setzt Cathy Krier die Reihe der Young Artists fort. Sie wird neben einer Sonate Wolfgang Amadé Mozarts und Claude Debussys Images das 2018 entstandene »Breath« der griechischen Komponistin Evangelia Rigaki spielen.

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