Ankunft und Abkehr, Gewöhnung und Gewöhnliches

Dresdner Orgelzyklus mit Christian Schmitt im Kulturpalast

Nun ging es endlich auch im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus wieder in den neuen Konzertsaal des Kulturpalastes. Christian Schmitt (Stuttgart) hatte im vergangenen Jahr bereits die Silbermannorgel der Hofkirche spielen sollen. Damals mußte er kurzfristig absagen, am Mittwoch kam er nach Dresden und spielte das Instrument von Hermann Eule Orgelbau. Konzertsaalorgeln gehören zu den Schwerpunkten in seinem Repertoire. Seit 2014 ist Christian Schmitt Principal Organist der Bamberger Symphoniker (Konzerthalle Bamberg), die Orgeln im Gewandhaus zu Leipzig, in der Elbphilharmonie, im Konzerthaus Berlin oder im Wiener Musikverein sind ihm vertraut, eines seiner letzten Konzerte vor der Pause fand in der Walt Disney Concert Hall Los Angeles statt.

Diese Versiertheit ermöglicht ihm, Instrumente und Räume (beides läßt sich nun einmal nicht trennen) zu erschließen. Damit öffnet er nicht nur Möglichkeiten eines neuen, ungewohnten Werkekanons wie der Orgelsinfonik, er kann gleichermaßen Stücke präsentieren, die sonst in sakralen Räumen zu Hause sind, wie Johann Sebastian Bachs Phantasie und Fuge g-Moll (BWV 542). Ihre leuchtende Motivik flutete durch den Saal, strukturelle Klarheit verband sich mit phantasievollem, freiem Umgang – die Fuge ist eine der fröhlichsten, die Bach erdachte.

Viele orgelsinfonische Werke sind zwar nicht an einen liturgischen Zweck gebunden, aber für den sakralen Bau (oder im Wissen um diesen) erdacht. Anders als vielleicht in England (wo Konzertsaalorgeln früh eine Tradition hatten) sind viele deutsche und französische Werke zunächst in Kirchen aufgeführt worden, werden vom Raumklang der Kathedralen beflügelt. Die Erfahrung mit den Instrumenten läßt sich vom Stück nicht trennen. Das trifft auf Franz Liszts Sinfonische Dichtung Nr. 4 »Orpheus« (in einer Bearbeitung für Orgel) sicher ebenso zu wie auf Max Regers Choralphantasie und Fuge über »Wachet auf, ruft uns die Stimme«, mit denen das Programm anfing und endete. Christian Schmitt gelang es wunderbar, den gewohnten Zusammenhang von Werk und Kirche aufzulösen und für den Moment der Aufführung vergessen zu lassen. Liszts Dichtung glich so tatsächlich der Vertonung eines Gedichtes, in seiner Komplexität war es räumlich wahrnehmbar bzw. ließ sich spüren, wie es den Raum ausfüllte. Es war aber auch in seiner Entstehung (an der Schüler Franz Liszts beteiligt waren) interessant – wie bei einem poetischen Text, der nicht einfach »übersetzt« werden kann, sondern neu entsteht, nachgedichtet wird, ist die Orgelbearbeitung ein eigenständiges Werk.

Max Regers Choralphantasie fand von der freien Verarbeitung des Themas am Beginn zu einem konzentrierten Choralsatz zurück und lud ein zu wählen, ob man die Musik allein wirken lassen oder den Choraltext im Programm mitlesen wollte.

Neben der sinfonischen Weite war immer wieder die tragende Melodie wichtig. Ob sie nun wirklich mit Worten verbunden war (wie bei Reger), ob sie es hätte sein können (wie bei Liszt) oder ob sie einem Liedgesang folgte, wie in Gustav Adolf Merkels Variationen über ein (liedhaftes) Thema Ludwig van Beethovens.

Oder bei Pēteris Vasks »Canto di Forza«: der Komponist versteht es wie kaum einer, Gesang instrumental zu erfassen, ohne daß er als Imitat erscheint. Sein der Schönheit gewidmetes Stück steigerte sich in ein feierliches Bekenntnis zur selben. Dagegen warteten die Variationen Gustav Adolf Merkels mit Verzierungen der Melodiestimme auf, aber auch mit der Schlichtheit von Gesang und Basso continuo.

Insofern war das Programm also anregend, aufregend, bemerkenswert und ausgeglichen. Musikalisch enthielt es keine aufgesetzten Effekte – optisch leider schon. Denn es gab – offenbar vom Organisten gewollt oder zugelassen – unnötige Farblichtspielereien in blau, rot und metallisch grün. Warum nur? Sie lenkten nicht nur ab, sie erschwerten zudem das Lesen während des Konzertes und störten das reine Hören! Oder gehört dies zu den Unterschieden zwischen Konzert- und Kirchenorganisten?

Während die Konzerte des Orgelzyklus‘ sonst von der geschlossenen Form profitieren (in den Kirchen herrscht Ruhe bis zum Schlußapplaus) lockern die Abgänge und das wieder Auftreten mit Zwischenapplaus nicht nur auf, sie unterbrechen die Konzentration und rufen einen übereilten Applaus noch in die letzten Akkorde hervor – eigentlich schade.

Vielleicht lag es ein wenig am Mangel an Konzerten und Auftrittsmöglichkeiten, ein Mangel, der schließlich auf beiden Seiten (Spieler und Publikum) spürbar ist. Immerhin war der Kulturpalast auch bis auf den letzten möglichen Platz ausverkauft. Für den anhaltenden Zuspruch bedankte sich Christian Schmitt mit zwei Zugaben (Étude für Pedal solo von Jean Langlais und Fuge über B. A. C. H aus Opus 60 von Robert Schumann).

17. September 2020, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert im Orgelzyklus gibt es am kommenden Mittwoch, 23. September, in der Kreuzkirche. Jörg Endebrock (St. Michaelis Hamburg) hat Werke von Johann Sebastian Bach, Siegfried Karg-Ehlert, Théodor Dubois und anderen im Programm. Ab 19:19 Uhr ist er im Gespräch »Unter der Stehlampe« mit Kreuzorganist Holger Gehring zu erleben.

Das nächste Konzert mit der Orgel im Dresdner Kulturpalast gibt es am 28. Oktober 2020, 20:00 Uhr. Domorganist Johannes Trümpler (Hofkirche / Kathedrale Dresden) spielt dann Werke von Richard Wagner (Bearbeitungen), Samuel Sebastian Wesley und Charles Villiers Stanford.

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s