Achtung – spannend!

Hitchcocks Spinett erstmalig auf CD

Es gab noch mehr Hitchcocks als den Regisseur Alfred. Wie eine britische Familie, die vor allem im 18. Jahrhundert als Erbauer von Spinetten und Cembali bekannt war. Mehr als 2000 Instrumente sollen in drei Generationen entstanden sein. Erhalten geblieben sind davon nur wenige. Das Hamburger Telemann-Museum bekam 2011 zur Eröffnung eines geschenkt: es ist das Londini fecit No. 1379, gebaut 1730 in der Werkstatt des Sohnes Thomas Hitchcock – einzigartig!

Glücklicherweise ist das Spinett in einem hervorragenden Zustand und war bereits in einem Museumskonzert zu erleben. Nun ist es erstmalig in einer Aufnahme zu hören und kann damit einem größeren Kreis von Musikfreunden bekannt werden. Anke Dennert spielt das sagenhafte Instrument, und sogleich ist man mit einer Suite Johann Matthesons im bürgerlichen Musikleben Londons am Beginn des 18. Jahrhunderts »gelandet«, also am Geburtsort und in der Zeit, in welcher das Spinett entstanden ist. Wie der deutsche Komponist nach London kam? Ganz einfach: er ließ seine Werke auch dort ducken, wußte Mattheson doch um die Bedeutung der Musikmetropole. Wie übrigens seine deutschen Kollegen Georg Philipp Telemann und Carl Friedrich Abel. Während Matthesons Suite die CD standesgemäß mit einem Solowerk eröffnet, folgt mit Telemanns Trio X aus den Essercizii Musici sogleich ein kammermusikalisches Musizierstück, wofür Anke Dennert Gabriele Steinfeld und Simone Eckert zur Seite stehen bzw. sitzen. Sie spielen eine süddeutsche Barockvioline (Steinfeld) und eine Hamburger Tielke Gambe von 1685 (Eckert). Gemeinsam bilden die drei Damen das Hitchcock-Trio.

Wie schon vor wenigen Tagen im Fall Carl Friedrich Christian Fasch (unsere Besprechung: https://neuemusikalischeblaetter.com/2020/11/18/der-unvergessene-fasch/) erfreut diese Aufnahme ebenfalls mit einem ausgezeichneten, quasi natürlichen und nicht angereicherten Ton. Das Spinett ist nicht nur kleiner als das Cembalo, es klingt auch so – leiser, feiner, graziler vielleicht, begeistert aber mit seiner großen Farbigkeit. Das gilt für alle drei Spielerinnen gleichermaßen, die im Trio eine ebenso ausgelassene wie ausgewogene Musizierlust beweisen. Die größten Soloanteile hat natürlich das Spinett, wenn Anke Dennert quasi die Register zieht: mit Lautenzug, Vierfuß und Achtfuß lassen sich unterschiedlichste Charaktere darstellen, Musikszenen schaffen. Die Pianistin (oder Spinettistin in diesem Fall) scheint die Türen zu öffnen, es ist ein wenig, als käme man heimlich in einen Londoner Salon um 1730, hörte dort der Tochter des Hauses bei ihren Übungen zu – vergnüglichen Übungen, möchte man vermuten, zumindest bei John Loeillets Lessons I for the Spinet kann es gar nicht anders sein!

Das Spinett ist uns heute noch ferner als das Cembalo, doch hindert dies nicht, daß es einen großen Zauber entwickeln kann, wie im Menuett Loeillets. Mit drei Sätzen aus »Der getreue Music=Meister« ist ein weiteres Werk Georg Philipp Telemanns dabei, diesmal für Tasteninstrument solo, während bei Gambenmeister Carl Friedrich Abel die Streicher natürlich nicht fehlen dürfen. Sein Trio in G-Dur bringt das Spinett wieder mit Violine und Viola da gamba zusammen.

Wenn wir heute etwas über andere Musikwelten wissen und den Vergleich zur damaligen Zeit kennen, liegt das nicht zuletzt an Reisenden und Musikkennern. Charles Burney war beides und gehört zu den bekanntesten Vertretern seiner Zunft. Er hat nicht nur zahlreiche Zeugnisse darüber hinterlassen, was er in ganz Europa erlebt, gesehen – gehört – hat, er hat selbst das eine oder andere Werk geschrieben, wie seine Sonata III for Spinet, von Anke Dennert köstlich ausgestaltet. Wenn Burney Affettuoso und Capriccio als Satzbezeichnungen wählte, meinte er wohl keine Übungen, sondern wollte ganz bestimmte Charaktere zeichnen!

Ob mit oder ohne den Musikhistoriker, Spieler und Komponisten – Francesco Maria Veracini und Francesco Geminiani gehörten zu den großen Meistern europäischer Tonkunst des frühen 18. Jahrhunderts. Beide lebten einige Jahre in London und nahmen am Konzertleben teil, waren also nicht allein für ihre Kompositionen berühmt. Veracini, der auch Violinvirtuose war, ist auf der CD mit der Sonata Nr. 12 aus Opus 2 (für Violine und Tasteninstrument) vertreten, Geminiani mit An English Tune für Violine, Viola da gamba und Spinett. Hier darf das Hitchcock-Spinett noch einmal solistisch eine Melodie (Tune) vorzeigen, welche die beiden Streicher sogleich aufgreifen und – nach allen Regeln der Kunst – variieren. Cantabile geht es ohne das Spinett im Duo weiter, das mal geschwinder, mal charmanter wird.

»The Hitchcock Spinett« sollte ebenfalls auf den Gabentisch für Freunde historischer Tasteninstrumente.

22. November 2020, Wolfram Quellmalz

Anke Dennert (Spinett), Gabriele Steinfeld (Violine) und Simone Eckert (Viola da gamba) »The Hitchcock Spinet«, Musik für Spinett solo sowie Kammermusikwerke von Telemann, Mattheson Abel und anderen, erschienen bei Genuin

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