Und wo bitte bleibt der Rest?

Diese CD ist ein Ohrenöffner! Und sie hat das Zeug zur CD des Jahres. Hat da jemand gesagt, Beethoven im Beethoven-Jahr einzuspielen sei einfallslos, gar langweilig? Von wegen! Zugegebenermaßen waren wir skeptisch, zu groß ist der »mediale Wind« um den griechischen Maestro, seine Auftritte scheinen manchmal maniriert und inszeniert. Currentzis‘ Image scheint auf »Krawall gebürstet« und gemacht, oder zumindest ordentlich vom Marketing befeuert. Ja, mag alles stimmen, aber als wir im Radio dreimal Ausschnitte seiner Aufnahme der fünften Sinfonie gehört hatten, konnten wir nicht mehr – die CD mußte herzu, um genauer hinzuhören.

Die erste Anhörung fiel elektrisierend aus, die zweite euphorisierend, die dritte … Auch nach dem sechsten, sechzehnten, sechzigsten Mal hört man diesen Beethoven noch so wie am Anfang. Zwar hat Teodor Currentzis ihn voller Effekte gepackt, schärft jede Ecke und Kante, rauht Oberflächen auf und vertieft Kontraste, doch er tut dies stets mit Blick auf den Affekt, auf die Wirkung, auf das Ziel, die Musik.

Kein Übergang, der nicht eingeleitet würde, keine Betonung, in der MusicAeterna nicht eine Rampe, einen Reflex finden würde – Teodor Currentzis lädt das Opus 67 auf, soweit es nur geht – und doch bleibt der Hörer nicht übersättigt zurück, stellt sich kein Überdruß ein. Den dynamischen Rahmen reizt der Dirigent vom leisesten, kaum noch zu hörenden Übergang zwischen dritten und viertem Satz bis zum triumphal fast berstenden Finale aus. Und schon zu Beginn wischt er jede Attitude von »Schicksalssinfonie« hinweg. Schicksal? Ist das nicht eher der steinerne Komtur, der da dröhnend an die Eingangspforte schlägt?

Unser Beethoven-Bild ist romantisch geprägt. Immerhin war Beethoven es, der die Tür zur Romantik aufstieß. Doch Teodor Currentzis sieht diese romantische Rezeption kritisch, spricht gar vom »Sarg der Tradition«. Wer sich seinem Ansatz nicht öffnen kann, für den ist Beethovens »Schicksalssinfonie« mit musicAeterna wohl Krach. Doch weit gefehlt – Currentzis achtet auf feinste Details, fegt nichts hinweg. Man kann bei ihm jeder Flöten- und Oboenkantilene ebenso folgen wie den Motiven der Violinen, dem ganzen Aufbau der Sinfonie. Und wie das Fagott keck parliert, wie das Kontrafagott schnarrt, ist ohrenerfrischend ohne gleichen! Das muß man hören (und kann die Lesart Thielemann, Blomstedt oder Jansons außerdem »behalten«).

c-Moll sei traurig, voller Klagen und Schmerzen? Haben Charpentier, Mattheson, Schubart, haben sie alle geirrt? Teodor Currentzis auf jeden Fall sprengt jede Kategorie, jeden Rahmen.

Nur eines fehlt der Aufnahme: ein weiteres Werk. Überall sonst wird die Sinfonie mit einer weiteren kombiniert, meist der sechsten, der Schwestersinfonie. So ist die Silberscheibe mit einer guten halben Stunde nicht einmal zur Hälfte ausgenutzt – wie schade, wenigstens die Egmont-Ouvertüre hätte uns Teodor Currentzis gönnen sollen (bitte bald nachreichen)! Immerhin macht er uns aber neugierig auf mehr, denn das Beiheft kündigt einen Beethoven-Zyklus an. Etwas Geduld müssen wir also noch haben …

musicAeterna, Teodor Currentzis (Leitung): Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5, Sony classical, auch als Download und Streaming

Die Einspielung der Siebenten Sinfonie soll demnächst erscheinen.

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