Andacht und Öffnung

Vesper in der Dresdner Kreuzkirche

Die Epiphaniaszeit gehört nach dem Kirchenkalender zum Weihnachtskreis. Die Kreuzkirche gestaltet die nachweihnachtlichen Andachten ganz bewußt in diesem Sinne, der festliche Glanz der Lichter und der Weihnachtsbäume ist deshalb noch erhalten. Das allein gibt jedoch nur den äußerlichen Rahmen, viel wichtiger sind Inhalte, also die musikalische und textliche Ausgestaltung. Es ist berührend, wie dies gerade jetzt, da Gesang in jeder Form untersagt ist, in jeder Woche gelingt.

Kreuzorganist Holger Gehring hatte für den Vorabend des zweiten Sonntags nach Epiphanias zwei Komponisten ins Programm genommen, deren Person und Werke für viele im Publikum neu gewesen sein dürften. Die Orgelwerke Sigfrid Karg-Elerts kennen die Besucher des Hauses zwar aus mancher Vesper und den Orgelkonzerten, doch hat der Komponist unter anderem auch für die Besetzung Orgel und Violine geschrieben – leider sind die meisten Werke verschollen. Mit zwei erhaltenen, einem Sanctus und einer Pastorale, rahmten Florian Mayer (Violine) und Holger Gehring die Vesper. Karg-Elert hob hier weniger den Kontrast der Instrumente hervor und verwies die Orgel auch nicht nur in eine nur begleitende Funktion. Vielmehr verband er beide Stimmen gleichberechtigt, ließ die Orgel vor allem in jenen höheren Lagen spielen, wo die Violine »zu Hause« ist. Eigentlich ist das Sanctus im Gottesdienst ein Wechselgesang von Chor und Gemeinde – hier wurde er sinnig ersetzt.

Den Namen Otto Waldemar (oder Valdemar) Malling kannten sicher nur wenige. Der dänische Organist und Komponist hatte in »Christus – Zwölf Stimmungsbildern für Orgel« Bibelszenen für kirchliche Andachten beschrieben. Auf ein Präludium folgen meist Variationen eines Themas und eine abschließende Liedbearbeitung. »Bethlehem«, »Die Flucht nach Ägypten« und »Es ist das Heil uns kommen her« waren die Bilder, die Holger Gehring ausgewählt hatte. Sie enthielten die schreitende Fortbewegung einer Karawane auf Dromedaren ebenso wie uns vertraute Liedmotive. »Wie schön leuchtet der Morgenstern« gehörte ebenso dazu wie »Stille Nacht«, das nach Epiphanias weniger still, sondern (mit Zimbelstern) festlich, fröhlich und beinahe laut strahlen durfte, womit Holger Gehring in der gegenwärtigen Situation einen positiven Lichtimpuls setzte.

Pfarrer Holger Milkau hatte zu den Stimmungsbildern im Inhalt gemäße Texte ausgewählt, was eine Vertiefung und Verinnerlichung erlaubte. Mit Annette von Droste Hülshoff (»Am Fest der heiligen drei Könige«), Johann Peter Lange (»Bethlehem«) und Dietrich Bonhoeffers Text über das Jesuskind, das mit seinen Eltern fliehen muß, ergänzte er die musikalischen Erzählungen.

Das alte Kirchenlied »Es ist ein Heil uns kommen her« verwies noch einmal auf die Zeit am Beginn des Jahres. Die Zeitgenossen Sigfrid Karg-Elert und Max Reger hatten es höchst unterschiedlich verarbeitet: während Karg-Elert in seiner Orgelimprovisation einen schlichten Charakter erhalten hat, geriet Regers Choralvorspiel dreistimmig und volltönend, geradezu prachtvoll.

17. Januar 2021, Wolfram Quellmalz

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