Vesper vor Sexagesimae

Kreuzkirche setzt Reihe in kleinem Format fort

Meistens gestalteten Kreuzorganist Holger Gehring und ein Liturg in den letzten Wochen die Andachten der Kreuzvespern allein, so auch am gestrigen Sonnabend.

Nachdem in der Vorwoche mit Lichtmeß der Weihnachtskreis geschlossen wurde, beginnt mit dem heutigen Sonntag Sexagesimae bereits der Blick auf Ostern bzw. die Vorpassionszeit. Kreuzorganist Holger Gehring kleidete diese in drei große Werke für Orgel solo, begann mit der ersten Orgelsonate von Felix Mendelssohn, der die Gattung unter anderem dadurch prägte, daß er den Sonaten Choralthemen einpflanzte. César Franck, dessen Opus 20 Prière (Gebet) erklang, und sein Schüler Louis Vierne, von dem das Prélude aus der Orgelsinfonie Nr. 1 gespielt wurde, kultivierten die orchestrale sinfonische Pracht auf der Orgel.

Mendelssohn und Vierne markierten Eckpfeiler des Programms, nicht nur in der Entstehungszeit. Denn abgesehen von einer Differenz von gut fünfzig Jahren unterscheiden sich ihre Werke in Aufbau, Struktur und Form, in der kraftvollen Gestalt wiederum kamen sie sich in Holger Gehrings Vortrag durchaus nahe. Die Vesper begann ebenso mit einem Energiestrom, wie sie später damit abschloß.

Auch im Charakter unterschieden sich die Stücke natürlich enorm. Mendelssohn entwickelte in seiner Sonate klare Strukturen, ein Gegenüber von Stimmen und Kontrasten. Die Choralmelodie zu »Was Gott will, das gescheh‘ allzeit« durchbrach mit Leichtigkeit den melodischen Fluß – leicht und unüberhörbar wie eine Stimme von oben. Superintendent Christian Behr erinnerte an den Textdichter Albrecht von Preußen und den Komponisten Claudin de Sermisy, bevor er die Strophen – welche nicht gesungen werden konnten – verlas. In der Gegenüberstellung von Ursprung bzw. Herkunft, Zeit, Text und Inhalt oder Ziel ergab sich so tieferer Sinn, ließ sich persönlicher Bezug und Lebenshaltung bis hin zum »Dafür sprech ich fröhlich. Amen« finden.

César Franck und Louis Vierne sorgten musikalisch für Vertiefung. Einzeln hörbare Stimmen haben bei ihnen keine Bedeutung, doch das sinfonische Gewebe wirkte nicht weniger andächtig. Beiden Werken wohnt eine mysteriöse Dunkelheit inne, in beiden durchbricht musikalisches Licht dieses Dunkel (Vierne wirkt hier selbstverständlich deutlich moderner). Holger Gehring zeigte darin nicht nur die Vielseitigkeit der Jehmlich-Orgel, er bewies auch deren Wandlungsfähigkeit und daß selbst enorme Steigerungen wie bei Vierne mit großer Differenziertheit ausgeführt werden können. Für mehr als den ersten Satz war in der Vesper natürlich keinen Platz, doch das offene (sich öffnende) Ende paßte hier ganz gut.

7. Februar 2021, Wolfram Quellmalz

In der kommenden Woche ist zum Gedenktag (Zerstörung Dresdens) eine Vesper mit Werken von Johann Sebastian Bach und zu einem »Totentanz« gefügten Stücken, unter anderem von Herbert Collum (Kreuzorganist von 1935 bis 1982) vorgesehen. Neben Holger Gehring  werden Sabine Jordan (Ausdruckstanz) und Holger Milkau (Liturg) mitwirken. Weitere Informationen unter: http://www.kreuzkirche-dresden.de

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