Fast vollendet

Florian Uhlig stellt vorletzte Ausgabe der Schumann-Gesamteinspielung vor

Vor zehn Jahren hat der Dresdner Pianist und Hochschullehrer Florian Uhlig seine Gesamtaufnahme der Werke Robert Schumanns bei hänssler CLASSIC begonnen. Er widmete sich den Davidsbündlern und den frühen Werken, stellte die Sonaten in den Mittelpunkt, besuchte mit Schumann Wien, wandte sich seinen Töchtern zu. Zwischendurch beteiligte sich der Pianist an einer Aufnahme von Kammermusikwerken Robert und Clara Schumanns mit Céline Moinet (Oboe) und Norbert Anger (Violoncello, erschienen bei Berlin Classics). Mittlerweile ist Florian Uhlig bei Volume 14 der Gesamtaufnahme angekommen, die mit der folgenden Ausgabe abgeschlossen werden soll.

Folgt man dem Musikwissenschaftler Joachim Draheim, der das Projekt begleitet, handelt es sich um die erste echte Gesamtaufnahme, denn sie enthält auch vervollständigte Fragmente und Skizzen sowie verschiedene Fassungen von Variationen. Robert Schumann überarbeitete seine Kompositionen nicht nur oder ergänzte sie, im 19. Jahrhundert war es auch üblich, solche Zusammenstellungen für Konzerte zu variieren – Clara Schumann, die zu den wichtigsten Pianisten ihrer Zeit zählte, prägte diese Aufführungspraxis mit. Joachim Draheim hat einige der Fragmente nach seinem Verständnis sinnvoll ergänzt und geht im Begleittext explizit auf die Problematik der Gesamtaufnahme ein. So werden gleich drei Werke auf den beiden CDs »erstmals oder erstmals in sinnvoller Zusammenstellung« (Draheim) präsentiert: die Etüden in Form freier Variationen über ein Beethoven’sches Thema, die Variationen über Paganinis »La Campagnella« sowie die Variationen über ein Thema von Beethoven.

Mit den Impromptus sur une Romance de Clara Wieck Opus 5 beginnt die Aufnahme sanft, geschmeidig, samtig und scheint bereits ein wenig den Rückblick der »Geistervariationen«, mit denen sie abschließt, zu enthalten. Man kennt die Impromptus auch frischer, luftiger, was man gemeinhin mit einer Jugendlichkeit des Frühwerkes assoziiert. Wichtiger ist Uhlig jedoch Schumanns ausgefeilte Könnerschaft, mit der er die Variationen gestaltete und die ebenso seinen Charakterstudien eigen ist – jedwede Zirzensik war dem Komponisten verhaßt.

Florian Uhlig arbeitet Feinheiten heraus, variiert nicht nur in Thema und Rhythmus, sondern belebt die Stücke mit Tempomodulationen. Auch meidet er das Übergewicht eines übermächtigen Schwerpunkts: die Variationen nach Beethoven-Themen folgen nicht aufeinander, sondern sind über die Aufnahme verteilt. Und sie offenbaren in Form, Gestalt und Balance Unterschiede, können sich in orchestrale Wucht steigern, schweifen ab zur Pastorale. Der zweite Zyklus scheint noch griffiger, geschlossener, verdichteter. Mit dem Cantando erreicht er eine Brechung, hält inne, die folgende Variation sorgt für Beruhigung und entspannte Gelassenheit.

An anderer Stelle wiederum verbindet der Pianist die Variationen G-Dur über ein eigenes Thema fast direkt mit jenen über Niccolò Paganinis »La campagnella«. Florian Uhlig zeigt Schumanns poetischen Ansatz, der zum Thema durchdringt und jeden ausgestellten Effekt meidet.

Robert Schumann äußerte sich in einem seiner berühmtgewordenen Aufsätze begeistert über Frédéric Chopin (»Hut ab, Ihr Herren, ein Genie!«), doch schwärmte er Clara auch in einem Brief vor, daß es sehr heiß sei und er sich bei Chopins Étude abkühle. Seine Variationen über ein Nocturne werden zur Synthese der beiden Altersgenossen, Chopins Gestus trifft Florian Uhlig dabei perfekt.

Das Album mit Variationen ist mehr als nur eine Vervollständigung der Gesamtaufnahme, es bereitet einen Weg zu Robert Schumann.

November 2020, Wolfram Quellmalz

Florian Uhlig »Schumann. Variationen«, Impromptus, Variationen und Étuden von Robert Schumann (Teil 14 der Schumann-Gesamtausgabe), erschienen bei hänssler CLASSICS

Céline Moinet »Schumann Romances« (Berlin Classics), Werke von Robert und Clara Schumann, Begleitung: Florian Uhlig (Klavier), Norbert Anger (Violoncello), BERLIN CLASSICS

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