Kreuzvesper zum 650jährigen Jubiläum

Laetare (»kleines Osterfest«)

Gemeinsam blicken die Kreuzkirche Dresden, der Kreuzchor und die Kreuzschule auf mittlerweile über 800 Jahre Bestehen zurück. Es ist übrigens ein errechnetes Datum, das anhand überlieferter Unterlagen ermittelt wurde – ein Gründungsdokument der Gemeinde der Kreuzkirche (damals noch katholische Nikolaikirche) ist jedoch leider nicht überliefert. Wohl aber gibt es eine auf den 1. März 1371 datierte Stiftungsurkunde, mit welcher die markgräflichen Brüder Friedrich (der Strenge) und Balthasar von Meißen die musikalischen Andachten am Sonnabendabend vor dem Beginn der neuen Woche ins Leben riefen. Diese Vespern waren Vorbild und fanden nicht nur in Berlin (Dom) und Leipzig (Thomaskirche) Nachahmung. Die Dresdner Kreuzkirche selbst blickt seit damals auf eine ununterbrochene Folge (mit Ausnahme der regulären Sommerpause während der Ferien) dieser Vespern zurück.

Ein großes Fest, dieses Jubiläum zu begehen, ist derzeit natürlich undenkbar, und so legten Kreuzorganist Holger Gehring und die Kreuzkirche den programmatischen Schwerpunkt auf die Vesper vor dem Sonntag Laetare des »kleinen Osterfestes«. Neben einer Begrüßung (Superintendent Christian Behr) und ein paar Worten zur Geschichte der Vespern (Holger Gehring) wurde der Anlaß vor allem mit Musik bedacht – fast ausschließlich solcher von Dieterich Buxtehude. Auch der norddeutsche Komponist gehört zur Dresdner Tradition, hatte Holger Gehring in seinem Vortrag erklärt, davon zeugten zum Beispiel von Hand gefertigte Abschriften der Werke Buxtehudes durch den damaligen Kreuzorganisten Alexander Heringk(1686).

Zu Beginn hatte Holger Gehring bereits eine Toccata F-Dur (BuxWV 156) auf der großen Jehmlich-Orgel gespielt, welche mit ihrem aufstrebenden Motiv für eine positive Stimmung sorgte und gleichzeitig musikalischen Festglanz ausstrahlte.

Christian Behr relativierte das »kleine Osterfest« später, hob es sozusagen an – es gestattet uns mitten in der Passionszeit bereits einen Ausblick auf Ostern – und freute sich über kleine Errungenschaften. Denn erstmalig durfte wieder eine Sängerin (Dorothea Wagner) im Altarraum auftreten, wo sich die Musiker der Capella Sanctae Crucis Dresden um Holger Gehring versammelt hatten. Mit der Kantate »O dulcis Jesu« (BuxWV83) behielt das Programm seinen festlichen Charakter. Wieder einmal eine erstklassige Sopranistin wie Dorothea Wagner erleben zu dürfen, war mehr als nur ein kleines Geschenk! Buxtehudes Kantate erwies sich als artifiziell und hörenswert, als affektiv wertvoll gestaltet. Gleich viermal wendet sich der Text »O dulcis Jesu« (oder »O Jesu mi dulcis«, [meinem] süßen Jesus) zu, pendelt dabei zwischen rezitativischem Erzählen und emphatischem Verweilen, sogar innerhalb der Strophen.

Den artifizielle Buxtehude gab es noch einmal mit der Sonata G-Dur BuxWV 271 für zwei Violinen und Basso Continuo, später erklang eine weitere Kantate »Also hat Gott die Welt geliebet« (BuxWV 5), worin der Komponist einen schlichteren, mittelbareren Stil pflegte – hier wie da konnte man erkennen, wo Buxtehudes Meisterschaft lag und weshalb er mit seinen Werken und Konzerten – nicht zuletzt für Johann Sebastian Bach – ein so großer Anziehungspunkt gewesen ist.

Mit »Jesu, meine Freude« durfte sich – ebenfalls erstmalig seit Wochen – auch die Gemeinde wieder am Gesang beteiligen. Nach der sehr getragenen Choralbearbeitung »Jesu, meine Freude« (BWV 610) von Johann Sebastian Bach schien sie zunächst aber überrascht, etwas zaghaft, doch war zunehmend ein Wachstum an Freude und Kraft festzustellen.

Ein innerer Wert ist den Kreuzvespern derzeit eigen: sie leben nicht von einem Nebeneinander von Worten und Musik, sondern von einer thematischen Verschränkung und nicht zuletzt von einer herzerfrischenden Aktualität. Auch die eine oder andere (selbst)ironische Nebenbemerkung kann da eine positive Wirkung haben, wie die Worte Christian Behrs, der vor seinem Weg zum Treppenhaus hoffte, daß es ihn beim anschließenden Turmblasen nicht selbst wegbliese – ein (vollkommen regulärer) Frühlingssturm hatte die Dresdner Innenstadt erfaßt.

13. März 2021, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend stehen Werke von Johann Sebastian Bach, Josef Gabriel Rheinberger und Max Reger auf dem Programm der Kreuzvesper (Beteiligte: Alexander Teichmann / Violine, Kreuzorganist Holger Gehring / Orgel, Pfarrer Holger Milkau / Liturgie). Mittlerweile gibt es auch für die Ostertage einen Plan liturgischer Veranstaltungen. Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.kreuzkirche-dresden.de

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