Gedenkkonzert für Giuseppe Sinopoli

Radiokonzert mit Komponistenportrait

Anders als der zwanzig Jahre vor ihm geborene Venezianer Luigi Nono ist der ebenfalls aus der Lagunenstadt stammende Giuseppe Sinopoli vor allem als Dirigent in Erinnerung geblieben. Und doch war auch Sinopoli Komponist, zumindest in seiner früheren Zeit. Als er 1992 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden wurde, lag die Uraufführung seines letzten großen Werkes, der Oper »Lou Salomé«, bereits über zehn Jahre zurück (München 1981).

Am Mittwoch trafen sich Musiker der Staatskapelle im Festspielhaus Hellerau, um im Rahmen des TonLagen Festivals ein Portraitkonzert für Giuseppe Sinopoli aufzunehmen. »Hommage à Giuseppe Sinopoli« wurde am Freitag auf mdr KULTUR gesendet.

Kein Publikum und nur etwa die Hälfte der ursprünglich geplanten Werke standen auf dem Programm. Für viele der Beteiligten war es eine erste Begegnung mit Giuseppe Sinopolis Musik. Christian Dollfuß, Solo-Baßklarinettist der Staatskapelle, und Jobst Schneiderat, Solorepetitor der Semperoper, erinnerten sich im Pausengespräch gerne an die Jahre mit dem Venezianer. Beeindruckend sei gewesen, wie er immer einen Subtext hinter dem Text gesucht habe, niemals nur Botschaft oder Symbol wirken lassen wollte und wie er das zu vermitteln wußte. Auch allein an Klang oder purem Schönklang habe ihm nicht gelegen. Für Christian Dollfuß waren die Jahre mit Sinopoli »harmonisch und musikalisch sehr beglückend«. Vor allem die Vorstellungen der »Frau ohne Schatten«, die damals wiederaufgenommen worden war, gehören nach wie vor zu den tollsten, die er mit dem Orchester gespielt hat. Sinopolis methodische Arbeitsweise habe die Musiker beeinflußt und wirke bis heute nach.

Auch seine Kompositionen sind erstaunlich, vor allem die frühen, vor 1975 entstandenen, findet Jobst Schneiderat bis heute modern. »Numquid« für Oboenfamilie und Tasteninstrumente von 1972 eröffnete das Portrait. Rafael Sousa, Sibylle Schreiber, Volker Hanemann, Michael Goldammer sorgten für mal schwebende, mal artikulative Kantilenen, Jobst Schneiderat mußte stetig zwischen Klavier, Cembalo und Celesta wechseln. So ergaben sich orphische, sphärische Szenen, die sich mit Klangartefakten fügten.

In vielen der Werke gab es Reflexe, die jedoch nicht in simplen Themen lagen, sondern sich auf Stimmen, Stimmungen und Klangfarben bezogen, so auch im »Klangfarben« genannten Streichquintett von 1970 (Tibor Gyenge und Federico Kasik / Violinen, Michael Horwath / Viola, Titus Maack / Violoncello und Andreas Ehelebe / Kontrabaß). Gezupften oder liegenden Tönen und Tonbögen stehen wechselvolle Antworten gegenüber. Zwischendrin wird ein im Kanon vorgetragenes Thema vordergründig, während ein Baßvibrato Spannung erzeugt.

Andere Reflexe gab es innerhalb des Programms, das außerdem »Aulodia per Lothar« (Michael Goldammer / Oboe und Sabine Volkmann-Goldammer / Gitarre) von Bruno Maderna – noch ein Venezianer, Sinopoli hatte wie Luigi Nono bei ihm studiert – sowie Anton Weberns Musik für neun Instrumente Opus 24 und ein Jugendwerk Franz Schuberts, das Quartett Es-Dur (D87) enthielt.

Einen bemerkenswerten Abschluß enthielt die Hommage ebenfalls und schlug mit Franco Donatonis »LEM« für Kontrabaß solo einen weiteren Bogen. Donatoni war ein wichtiger Impulsgeber für den Dirigenten Giuseppe Sinopoli gewesen. Andreas Ehelebe durchforschte in »LEM« den Klangraum seines Instruments auf beeindruckende Weise, steigerte sich vom Flageolett und peitschendem Klang bis zum Subbaß, doch blieb »LEM« dabei stets melodisch – auch dies acht Minuten spannende Musik, die es wert wären, wiedergehört zu werden.

24. April 2021, Wolfram Quellmalz

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