Neues Klaviertrio Dresden mit Uraufführung

KlangNetz Dresden beginnt Reihe »Intelligenz« im Hygienemuseum

Sieben Konzerte wird das Jahresprogramm »Intelligenz« des KlangNetz Dresden e. V. in diesem Jahr umfassen. Den Start gab es am Freitag im Deutschen Hygienemuseum mit dem Neuen Klaviertrio Dresden, das sein Programm mit »Schlau? Musik – Logik – KI« spezifizierte. Das Neue Klaviertrio Dresden gibt nicht nur Kompositionen in Auftrag, es trägt auch zur Etablierung bei. Petr Bakla »Dog variations« hatte das Trio (damals in etwas anderer Besetzung noch Elole Klaviertrio) zum Beispiel schon vor sechs Jahren im Coselpalais (Pianosalon Kirsten) gespielt, nun kam es zu einer Wiederbegegnung.

Zu Beginn spürten Uta-Maria Lempert (Violone), Matthias Lorenz (Violoncello) und Clemens Hund-Göschel  (Klavier) der Vorhersagbarkeit nach. Der Komponist Tom Johnson hat sich in »Predictables« (Vorhersagbares) explizit mit Tonfolgen auseinandergesetzt, die nicht überraschend, sondern geradezu zwingend (logisch) scheinen. Im ersten der Stücke wird eine endlos wiederkehrende Tonfolge (Klavier) durch Fehlstellen unterbrochen, welche die beiden Streicher nahtlos ersetzten. Im zweiten reflektieren sie auf tonale Strukturen, im dritten wird ein vom Cello vorgegebenes Thema wechselseitig (wiederum erwartungsgemäß oder logisch) verarbeitet. Die zwischen den Teilen erklingenden Proportionskanons von Josquin Desprez und Pierre de la Rue zeigten, daß es auch im 15. Jahrhundert schon »konstruierte« Musik gegeben hat, die neben ihrer emotionalen Dimension bereits den Intellekt ansprachen – zwei Ebenen, die das Neue Klaviertrio Dresden in Harmonik und Verfremdung sinnig – logisch? – verband. »Predictables« bargen so auch klangsinnliche Erfahrungen – schließlich unterliegt die Erwartungshaltung sowohl dem Intellekt wie Emotionen.

Petr Bakla hat das Schnüffeln und Markieren von Hunden als Modell für die Entwicklung seines Werkes »Dog Variations« genommen, auch wenn der Titel, wie der Komponist zugibt, nicht zwingend zutreffend oder spezifisch ist. Vielleicht ist er mehr eine Anregung für den Umgang mit tonalen Mustern. Bakla läßt sie einerseits aufeinander reagieren, sie wiederholen, spiegeln, abwandeln, andererseits verändert er die Strukturen und erzwingt Veränderungen auf der (emotionalen) Ebene von Betonungen.

Dann gab es schließlich noch eine Uraufführung: Gilberto Agostinho war in den letzten Monaten bereits als Komponist und Teilnehmer in Matthias Lorenz‘ Musikalischem Online Salon zu erleben. Seine Methode greift noch einmal eine Stufe früher in das Kompositionsgeschehen ein, denn Agostinho befaßt sich nicht allein mit den Codes der Musik, sondern zudem mit Algorithmen, die er zum Komponieren einsetzt. Damit folgt er einer Methodik, die auch aus den Naturwissenschaften bekannt ist oder bei »künstlichen Intelligenz« angewandt wird. »methinks it is a weasel« (»Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel«, Shakespeare / Hamlet) ist eher Wortspiel oder Metapher, kein zwingend inhaltlicher Titel. Das Stück vollzieht in sieben Teilen teilweise unmerkliche Veränderungen. Auf diese Weise bildet Gilberto Agostinho den Vorgang genetischer Veränderungen nach, die manchmal zu Mutationen führen, welche sich in Fällen auch als dominant erweisen. Allerdings läßt der Komponist sein Werk auch an die Grenzen dieser Entwicklung stoßen – am Ende verlischt die Spezies.

Das Neue Klaviertrio Dresden sorgte mit der Uraufführung nicht nur für eine klare, nachvollziehbare Erfahrung, sondern auch für eine dichte, nachvollziehbare und emotionale Erfahrung. Somit durfte man Beobachten und Staunen, nicht zuletzt über sich öffnende Deutungsmöglichkeiten und kann sich hoffentlich dereinst auf eine Wiederaufführung des dem Trio gewidmeten »methinks it is a weasel« freuen.

12. Juni 2021, Wolfram Quellmalz

Die Reihe »Intelligenz« des KlangNetz Dresden e. V. wird in sechs weiteren Teilen fortgesetzt und endet am 28. November mit einem Konzert von AuditivVokal. Im nächsten Konzert empfängt El Perro Andaluz am 2. Juli seine Gäste (19:30 Uhr »Modi di Interferenza«). Weitere Informationen unter: klangnetz-dresden.de

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