Zwischen Sehnsucht und Museum

Spielzeitauftakt in der Semperoper mit dem Gustav Mahler Jugendorchester

Das eine war absehbar: Daß sich ein Programm mit Auszügen aus »Tristan und Isolde« und Schostakowitschs zehnter Sinfonie wohl nicht realisieren lassen würde. Mit den Wesendonck-Liedern und Beethoven V. war dennoch ein attraktives Programm gefunden. Etwas erschreckend wirkte allerdings die Leere im Saal. Nicht mangelnder Nachfrage wegen, sondern infolge des noch gültigen Hygienekonzeptes – jede zweite Reihe frei, meist drei oder vier Sitze zwischen belegten Plätzen … Wo liegt der Vorteil? Im Vergleich mit anderen Veranstaltern, sowohl in Dresden wie auch bundesweit (Beispiel Bayern: jeder zweite Platz ist besetzt, dafür ist das Tragen einer Maske während der Veranstaltung verpflichtend) müßte die Semperoper hier längst nachgebessert haben. Eine kleine Stufe zumindest gibt es ab morgen, dann dürfen 120 Besucher mehr in den Saal. So wirkte der Beginn, zumindest bis die Musik erklang, ein wenig niederdrückend: Vor einem schütter besetzten Parkett kam das Orchester nicht geschlossen, sondern »amerikanisch« einzeln an den Platz. Die fehlende Festlichkeit wurde aber bald mit musikalischem Glanz ausgeglichen.

Ob die Wesendonck-Lieder von einem Mann gesungen werden »dürfen«, ob ein Bariton dafür »paßt«, ist natürlich eine Glaubensfrage. Manche lehnen dies vollkommen ab, weil sie es mit Entstehung, Herkunft und Dedikation des Komponisten belegen – das ist in der Tat berechtigt. Doch ein Sakrileg ist es nun wieder auch nicht, die Lieder so zu Präsentieren. Hans Werner Henze hat für sie eine ungemein sinnliche Orchestrierung gefunden, die meist ansprechend, entsprechend ist, sich gerade in der Fühlbarkeit und Emotionalität mit der Singstimme verbindet. Natürlich entfernt er sich dabei ein wenig mehr vom »Tristan« – die Nähe zwischen Opernwerk und einigen der Lieder ist bei Wagner deutlich größer. »Träume« schweift bei Henze gar in Harmonik und Farbe in die Richtung Gustav Mahlers ab.

Oder lag es an Manfred Honeck? Sein Dirigat fiel insgesamt ein wenig manieriert aus (später bei Beethoven noch deutlich mehr), was bei Wagner winzige Verschiebungen verursacht haben mag. Matthias Goerne konnte sich in die Lieder (statt des geplanten König-Marke-Monologs) jedoch wunderbar einfühlen. Sein Ausdrucksspektrum scheint noch einmal gewachsen, dabei muß er weniger forcieren als noch vor einigen Jahren und kann mit geringeren Mitteln größere – auch sinnliche – Momente schaffen. Schwierig ist allerdings, daß man ihn gerade in den dunklen Bereichen und tiefen Tönen kaum versteht, während seine hellen Vokale und Konsonanten nach wie vor klar sind. Schade also insofern, daß die Liedtexte nicht im dicken Programmheft enthalten waren! Das »Erlebnis Goerne« stellte sich dennoch ein.

Das »Erlebnis Beethoven« dagegen nicht oder nur in Teilen. Und das lag am Dirigenten, nicht an den jungen Musikern. Wie Honeck das »Schicksalsmotiv« der fünften Sinfonie am Beginn des ersten Satzes – und nur an dieser Stelle! – verschleppen ließ, bleibt rätselhaft. (Als es wenig später in den Blechbläsern wiederkehrt, ist das Metrum deutlich flotter, das Motiv in den Fluß gebunden.) Damit bescherte er der Sinfonie einen unerklärbaren Bruch. Zunächst hörte es sich an, als schickte der Dirigent das Jugendorchester ins Museum oder 60er oder 70er Jahre. (Es ist tatsächlich rätselhaft. Als Novum für mich als Rezensent habe ich nach dem Konzert noch einmal aktuelle Beethoven-Aufnahmen und ältere [Franz Konwitschny] angehört, mit unverändertem Ergebnis.) Vergliche ein uneingeweihter Hörer die Anfangs- und Schlußakkorde, käme er vermutlich zu dem Ergebnis, es handele sich um zwei verschiedene Aufführungen bzw. Aufnahmen.

Dabei kann das GMJD mit allem prunken, was der europäische Instrumentalnachwuchs zu bieten hat (auffällig ist aus deutscher Sicht der große Anteil von Studenten der Hochschule Weimar, beginnend mit dem Konzertmeister Stefan Ziente). Nicht nur die Streicher sind exzellent, die Bläser konnten, von der Oboe bis zum Fagott, nicht zu vergessen die Horngruppe, begeistern. Und die Pauke (Guillem Ruiz Brichs) sorgte bei Beethoven für deutliche Akzente. Nicht nur den Donner(wider)hall des Schicksals bedeutete dies, sondern ein motorischer Antrieb in vielen Passagen mit kennzeichnenden Tempowechseln oder (wie im Finale) einem Gipfelsturm.

Von der Exzellenz des Orchesters hatten schon die Wesendonck-Lieder profitiert. Schließlich ist dabei der Gesamtapparat des Ensembles in seiner Gesamtheit weniger von Bedeutung. Vielmehr geht es darum, der Stimme, Stimmung, einen Widerschein zu geben. Dies gelang mit Präzision ganz wunderbar, indes fehlte eben hier und da die Balance. Begeisterung blieb dennoch, eben mit ein paar Einschränkungen.

1. September 2021, Wolfram Quellmalz

Am Freitag, 19:00 Uhr (Semperoper Dresden) feiert die Sächsische Staatskapelle Ihren Spielzeitauftakt. Mit den Sinfonien 8 und 9 wird Chefdirigent Christian Thielemann dann seinen Beethoven-Zyklus abschließen. Mit dabei sind Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Elisabeth Kulman (Alt), Piotr Beczała (Tenor), Georg Zeppenfeld (Baß) sowie der Sächsische Staatsopernchor Dresden.

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