Wege nach Dresden

Hannah Vinzens und Gordon Safari stellen CD mit romantischer Musik in der Christuskirche vor

Die Frage, was zwei Salzburger nach Dresden in die Christuskirche Strehlen verschlägt, beantwortete der Organist und Dirigent Gordon Safari vorab selbst: Seit etwa drei Jahren spielt er mit der Cellistin Hannah Vinzens im Duo, dabei sind sie vor allem an Originalliteratur für ihre Besetzung interessiert und suchen nach Stücken. Sie fanden welche – in Dresden, denn sowohl (Friedrich) Oskar Wermann als auch Gustav (Adolf) Merkel haben Werke für Violoncello und Orgel geschrieben. Dabei verbindet die beiden noch mehr als die (spätere) Heimatstadt Dresden, denn sowohl Oskar Wermann als auch Gustav Merkel waren an der Kreuzkirche tätig. Der in Oberoderwitz geborene Merkel wurde hier Organist, Oskar Wermann (gebürtig in Neichen) studierte bei ihm und wurde 1876 Kreuzkantor, ein Amt, das er bis zu seinem Tode 1906 innehatte.

Im vergangenen Jahr kamen Hannah Vinzens und Gordon Safari – mitten in der ersten Phase der Covid-Krise – nach Dresden und fanden in der Christuskirche den Raum, in welchem sie die Werke beider Komponisten erarbeiteten, probten und schließlich (im September) einspielten. Gestern gab es zur CD-Präsentation eine Wiederkehr. Gordon Safari bedankte sich bei der Gemeinde und vor allem Kantor Burkhard Rüger für die großzügige Unterstützung und die Möglichkeit, über lange Zeit ungehindert und ohne Miete in der Kirche arbeiten zu dürfen.

Und – es hat gelohnt. Die Konzertbesucher konnten ein besonderes musikalisches Erlebnis in einem besonderen Raum erleben, denn die Christuskirche ist nicht nur von außen – sie verfügt wie keine andere Dresdner Kirche über Doppeltürme – einzigartig. Auch der von modernen und Jugendstilelementen geprägte Innenraum schafft eine einzigartige Atmosphäre. Genaugenommen begann das Erlebnis schon vor dem Betreten des Gotteshauses beim Anblick der auf dem Strehlener Hügel stehenden Kirche und mit den in die Dämmerung leuchtenden Fenstern.

Drinnen gab es Musik, die man so kaum einmal erlebt, und damit ist zunächst noch gar nicht gemeint, daß die Werke zu einer Weltersteinspielung gehören, sondern daß hier an und mit originalen Instrumenten musiziert wurde. Denn »Cello und Orgel« meinte keine kleine Truhen- oder Begleitorgel, sondern das große Instrument aus der Werkstatt Jehmlich. Dieses, 1905 erbaut, ist ebenso (fast) einzigartig, denn oft wurden Orgeln aus dieser Zeit später modernisiert oder ersetzt. Oskar Wermann muß die Instrumente der Gebrüder Jehmlich gut gekannt haben, denn er verlangt in seinen Noten unter anderem ein As im Manual, wie es damals nur Jehmlich gebaut hat – für Authentizität war also gesorgt.

Die zutiefst romantischen Stücke hatten einen oft ausgeprägt gesanglichen Charakter. Die Orgel war Begleitinstrument, jedoch mit mehr Aufgaben, als nur einen Grundbaß zu spielen – sie mußte präludieren, variieren, das Soloinstrument umfassen und durfte es nie verdecken. Diese Balance gelang den beiden Künstlern ganz ausgezeichnet – Werkkenntnis und eine dezidierte Auseinandersetzung, auch mit dem Aufführungsort, fördern eben bessere Resultate zutage!

Auch wenn manche Stücke in der Anlage ähnlich waren, Ariosa oder Larghi religiosi, klangen sie nicht gleich, zeugten von Erfindungsreichtum und Ausdrucksvielfalt. Zwischendurch ließ Gordon Safari, der meist »in leiseren Farben« verblieb, einmal das volle Spiel (plein jeu) der Orgel erklingen, wofür in der Mitte des Programms Gustav Merkels Fuge über BACH Opus 40 sorgte – zur Abwechslung mal ein Werk, wie man es in Dresdner Orgelabenden ab und zu hört. Nach der mächtigen Klangpracht gab es vor dem folgenden Largo religioso von Oskar Wermann eine kleine Pause, um die Sinne wieder anzupassen.

Das imposanteste und interessanteste Stück war Wermanns Sonate für Violoncello und Orgel g-Moll (Opus 58), welche in der Tat nicht nur Brahms’sche Ausmaße aufwies, sondern mit zwei gleichberechtigten und -beteiligten Partnern einen teilweise konzertanten Gestus erreicht. Hannah Vinzens anpassungsfähiges Spiel, das zuvor so andächtig und fein singen konnte, erreichte nun die Eindruckskraft einer Konzertsolistin – Schumanns Cellokonzert schien in Reichweite. Das Werk ist übrigens recht komplex und läßt sich nicht ohne weiteres auf die Paarung Violoncello und Klavier übertragen. Auch insofern lohnte also der Besuch – demnächst gibt es die CD auch im Handel.

14. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Erscheint demnächst bei MDG: Hannah Vinzens (Violoncello) und Gordon Safari (Orgel) »Wermann / Merkel / Reger. Complete Works for Violoncello and Organ« (Coverabbildung folgt)

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