Zeitgenossin von Schütz und Monteverdi im Mittelpunkt

Musik von Barbara Strozzi im Offenen Palais

Es hätte so schön sein können: am Morgen noch hatte sich gestern sanfter Sonnenschein über die Stadt gebreitet – beste Voraussetzungen, um liebe Gäste zu empfangen. Doch kurz vor Konzertbeginn zog der Himmel zu, der Regen kehrte wieder. Hatte den etwa das Ensemble Hamburger Ratsmusik mitgebracht? Wohl kaum. Statistisch regnet es in Hamburg ohnehin nicht mehr als in Dresden (was der Rezensent aus eigener Erfahrung bestätigen kann). Mitgebracht hatte das Ensemble vielmehr wunderbare alte Instrumente und einen Koffer voll Musik. Im Mittelpunkt stand die Komponistin Barbara Strozzi – die Venezianerin war von ihren Kollegen, darunter Claudio Monteverdi, hoch geschätzt. Es wurde also schön – wen kümmert noch das Wetter draußen, wenn drinnen solche Musik erklingt?

Thomas Friedlaender, Veranstalter der Reihe Offenes Palais im Palais im Großen Garten Dresden, hatte gleich viele Gründe, sich zu freuen: weil er sein Konzert wieder einmal im Festsaal veranstalten konnte, weil auch in diesem Oktober die Kooperation mit dem Heinrich Schütz Musikfest fortgesetzt werden konnte, und weil mit Dorothee Mields nicht nur eine besondere Sopranistin, sondern die Residenzkünstlerin des HSMF von 2018 zurückkehrte.

Mit Hanna Zumsande vervollständigte eine zweite Sopranistin das Quintett, zu dem seitens der Hamburger Ratsmusik Anke Dennert (Cembalo), Simone Eckert (Viola da Gamba und Leitung) und Ulrich Wedemeier (Laute) gehörten.

Die Musik, vor allem jene Barbara Strozzis, war nichts weniger als betörend! Ob vertonte Sonette aus ihrem Il Primo libro di madrigali Opus 1 von 1644 oder der Sammlung von Kantaten und Arietten Diporti di Euterpe (Opus 7, 1659) – die Frage, ob Strozzi ihren Kollegen in Stimmführung oder (melismatischen) Affekten nachstand (natürlich nicht!), stellte sich gar nicht, denn hier verbanden sich die sinnlichen Gesangslinien, ob nun solistisch oder im Duett verschlungen, mit der silbrigen, singenden, nicht weniger sinnlichen Begleitung.

Das Erlebnis vertiefen konnte man mit den dem Programm beiliegenden Texten (mit Übersetzung). Den Werken ist bei aller Sinnentiefe eine Leichtigkeit zu eigen, so daß sich kein Moment erotischer Überladung ergab – selbst wenn sich der Text einmal (»Mercé di voi« / »Danke Dir«) auf Sappho bezieht (bzw. diese kurz erwähnt) blieb eine voyeuristische Attitude »außen vor« wie der Regen ums Palais. Strozzis Duette bereiten – ganz ernsthaft – Plaisir und gereichen zur süßen Verführung. Nachlesen lohnt(e) allemal, denn manche Zeilen sind mit und ohne Musik ergötzlich!

In dem sehr fein ausgearbeiteten Programm hatten außerdem noch kleine und größere instrumentale Capricen Platz, so daß sich Anke Dennert, Simone Eckert und Ulrich Wedemeier solo oder miteinander präsentieren konnten. Marco Faccolis Padoana terza dita la Finetta in d oder Girolamo Dalla Casas Ancor che col partire waren Entdeckungen, die zu den Ursprüngen von (Trio)sonate zurückführten. Zudem hatte Dalla Casa einmal (für dieses Konzert) der schmeichelnden Viola da Gambe eine dezidierte Gesangs- oder Solostimme zugestanden, während sie sonst in der Begleitung ein wenig verborgen blieb. Bei Giovanni Girolamo Kapsberger (Arpeggiata) hingegen durfte Ulrich Wedemeiers Laute einmal ganz allein brillieren, bevor sie (Toccata VIII) mit dem Cembalo verschmolz.

16. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert des Offenen Palais findet am 12. November (14:30 und 19:30 Uhr)statt. Anna Katharina Schumann, Thomas Friedlaender (Zinken, Hörner und Trompeten) und Durs Grünbein (Lesung) präsentieren zeitgenössische musikalische Miniaturen und Auszüge aus »Jahre im Zoo«.

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