Musikalische Blütenlese

Collegium 1704 verbindet noch einmal Musik von Mysliveček und Mozart

Das Prager Collegium 1704 findet für seine Programme nicht nur musikalische Inhalte, sondern stattet sie mit einzigartiger Lebendigkeit aus. Und da es noch dazu für Qualität bürgt, ist die Genußbefriedigung schon eigentlich schon vorab garantiert. Trotzdem läßt sich selbst das noch steigern, denn immer wieder bringt Václav Luks mit seinem Ensemble »neue« Musik oder neue Künstler mit. Die »neue« Musik entspricht dabei in der Regel Wiederentdeckungen, die nur für unsere Ohren neu sind. Den Wert der Nachhaltigkeit kann man daran erkennen, daß diese Musik im Gedächtnis bleibt – gerade für die Kompositionen Jan Dismas Zelenkas bedeutete dies in den letzten Jahren eine europa- wenn nicht weltweite Renaissance.

Doch Václav Luks‘ Horizont ist nicht auf Zelenka oder dessen Zeit beschränkt. Seit einiger Zeit hat widmet er sich mit seinem Ensemble dem Komponisten Josef Mysliveček, von dem alsbald sogar ein Film erzählen soll. Das Collegium 1704 hat für »Il boemo«, so der Titel, nicht nur die Musik eingespielt, sondern auch an den Spielszenen mitgewirkt. Mittlerweile ist der Film fertiggestellt und wartet darauf, in die deutschen Kinos zu kommen. Sobald er einen Verleih gefunden hat, erfahren Sie das bei uns!

»IL BOEMO IM« KONZERT

»Il boemo« ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern entspricht der Bezeichnung, mit der man Josef Mysliveček zu Lebzeiten bedacht hatte. Das schlichte »der Böhme« war also genug, um zu wissen, wer gemeint ist. Damit steht der Komponist in einer Reihe mit solchen Koryphäen wie Georg Friedrich Händel (»Il caro sassone«) oder Johann Adolph Hasse (»Il divino Sassone«), was schon einmal einem Qualitätssiegel bzw. Ritterschlag entspricht.

Zu Recht, wie sich das Publikum am Mittwochabend in der Dresdner Annenkirche überzeugen konnte. Denn der »böhmische Mozart«, so eine andere Bezeichnung, begeistert seine Zuhörer noch heute mit einer wahren Feuerwerksmusik!

Neben Mysliveček stand noch eine weitere Person im Mittelpunkt: Simona Šaturová, die in diesem Jahr eine kleine Residenz bei den Pragern hat. Schon im ersten Konzert der Musikbrücke Prag-Dresden gehörte sie zum Solistenquartett, jetzt stand sie allein mit Arien von Mysliveček und Mozart im Mittelpunkt. So sehr, daß das Konzert – nach langer Zeit wieder einmal – eines ohne den Chor des Collegium Vocale 1704 war. Josef Mysliveček hatte den Demetrio-Stoff gleich zweimal in einer Oper verarbeitet. Mit »Nacqui agli affani in seno« (1773) und »Mi parea del porto in seno« (1779) haderte Simona Šaturová in der Rolle der Königin Cleonice zunächst mit ihrem Schicksal, dann gab es eine schmerzvolle Abschiedsszene – wie gut, daß man weiß: am Ende geht alles gut aus. Wie sonst sollte man Aufruhr und Schmerz derart genießen? Simona Šaturová drang gerade in mittleren und tieferen Mezzo-Lagen tief in die Gefühlswelt der Cleonice vor, Václav Luks ließ sein Orchester dichtauf folgen. Die höchst individuelle und geschmeidige, dennoch herbe Stimme Simona Šaturovás führte dabei vor Ohren, wie Komponisten damals oft dachten, denn sie schrieben Arien speziell für Sängerinnen und Sänger, deren Stimme und Temperament ihnen wohlbekannt waren – Václav Luks schloß die historische Lücke zwischen Komponist und Interpretin mühelos!

Daß Josef Mysliveček auch einige musikalische »Raketen« zu zünden wußte, zeigte sich nicht allein in den beiden Sinfonie der Opern »Ezio« und »Demetrio« – der Komponist folgte hier noch dem klassischen Formenvorbild (und vielleicht dem Publikumsgeschmack), als die modernere Ouvertüre bereits bekannt war. Dafür gestaltete er die Rezitative im Stil flexibler Accompagnati, von Simona Šaturová einfühlsam ausgestaltet. Als Meister des Affekts zeigte sich Josef Mysliveček aber auch in der zweiten Cleonice-Arie: im Moment, da das Zaudern der Heldin (mit dem Schicksal) in Entschlossenheit (zur Trennung, die letztlich nicht vollzogen wird) umschlug, stoben auch musikalisch die Funken.

Es war ein ungeheuer blütenreiches Programm – das Programmheft, in dieser Spielzeit vom tschechischen Künstler Michal Bačák, illustrierte dies bereits vorab. Kunstsinnigen Musikfreunden sei deshalb dringend die Internetseite des Künstlers empfohlen!

ZU GUTER LETZT: MOZART

Wolfgang Amadé Mozart hatte gestern keineswegs das Nachsehen, auch wenn er erst in der zweiten Programmhälfte auftauchte. Nicht nur mit der »Prager« Sinfonie (KV 504) blieb er bei den Tschechen, auch die Konzertarie »Bella mia fiamma, addio« führte (in der Entstehung) noch einmal an die Moldau. Zuvor schon war es erneut dramatisch geworden, denn Mozarts späte Sinfonien kehren quasi zu ihrem Ursprung (am Beginn von Opern) zurück. Nach einer gehörigen Portion Don-Giovanni-Atmosphäre gab es aber noch einmal schönsten Abschiedsschmerz, den nur noch das »Halleluja« aus dem Exsultate jubilate abzuhelfen vermochte.

Beeindruckend war, daß das Collegium längst nicht mehr allein in der Zeit von Zelenka & Co. verankert ist – auch ohne Laute und Orgel behält es seine Charakteristik! Und wenn Bedarf an hervorragenden Hornisten, Trompetern oder Pauken besteht, dann ist das kein Problem. Da könnte es doch theoretisch sogar Beethoven …

Aber eigentlich wünschen wir uns doch zunächst einmal einen ganzen Mysliveček auf der Bühne, zumindest der Film soll bald kommen!

11. November 2021, Wolfram Quellmalz

collegium1704.com/de

http://www.saturova.com

michalbacak.com

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