Annäherung im Gedenken

Konzert des Dresdner Kammerchores zum 9. November

Das Datum 9. November ist – positiv wie negativ – historisch mehrfach belastet und verankert. Hans-Christoph-Rademann und der Dresdner Kammerchor stellen es seit 1992 im Gedenken an die Pogromnächte in den Mittelpunkt. So wie sich die Opfer nicht eindimensional in typisierten Rollen darstellen lassen, so vielschichtig und verschieden waren die Werke, persönliche Bezüge und Anlässe des Abends. Schon die Lebensläufe der Komponisten und ihre Beweggründe offenbarten eine Mannigfaltigkeit – nicht zuletzt steht die jüdische Kultur schließlich ebenso für ein (einst) blühendes Leben.

Nicht nur im Hinblick auf den Versuch des Verstehens ergab sich im Konzert »Musik der Nacht« am Dienstag in der Dresdner Annenkirche damit keine Erklärung dessen, was vor 83 Jahren geschehen ist, sondern eine Annäherung an die Ereignisse und die Menschen. Einen besonderen Wert erfuhr der Abend außerdem, weil er nicht allein mit dem Jahrestag in Zusammenhang stand oder das Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland spiegelte, sondern auf die eigene Traditionen des Chores zurückblicken konnte. So war der Leipziger Komponist Herman Berlinski (1910 bis 2001) zu einem wichtigen Partner des Dresdner Kammerchores geworden, immer wieder standen, auch nach Berlinskis Tod, dessen Stücke auf dem Programm, wie »Miyi ten roshi mayim« und »A Psalm of Unity« im Rahmen früherer Gedenkkonzerte.

Werke von Jacques Fromental Halévy, Maurice Ravel, Darius Milhaud, Francis Poulenc, Heinz Werner Zimmermann und Herman Berlinski markierten dabei auch ein Zeichen deutsch-französischer Versöhnung. Mit Halévys »Min hametsar« und Darius Milhauds »Trois psaumes de David« standen zunächst jüdische Psalmvertonungen im Mittelpunkt, die noch von Maurice Ravels »Deux mélodies hébraïques« ergänzt wurden, also Musik mit liturgischem Gehalt oder Hintergrund. Daß der Dresdner Kammerchor scheinbar mühelos in andere Sprachen wie Französisch, Latein oder Englisch wechselt, hat man schon oft erlebt, hier nun gelang ihm die Darstellung hebräischer oder jiddischer Texte, ohne in steriles Deklamieren zu verfallen. Belebend wirkten die Aufteilung der Stimmen innerhalb des Chores und der Kontrast von (in kantoralen Sinn) Vorsänger und Chor. Die Soli von Tenor Andras Adamik (Halévy) waren in ihrer zu Herzen gehenden Eindringlichkeit großartig, in Darius Milhauds Psalmvertonungen hatte Tobias Mäthger, der außerdem für die Choreinstudierung verantwortlich gewesen war, die rituellen Zeilen vorgetragen (jeweils wie im Verhältnis Kantor / Gemeinde).

Kontrastwirkung kann man jedoch nicht allein optisch oder akustisch erzeugen, sie ergibt sich mitunter aus der Wechselwirkung mit dem Text. Nachdem der Chor eben bei Milhaud mit lupenreiner Homogenität den Wechsel von Licht und Dunkel dargestellt hatte, fand er bei Francis Poulencs »Un soir de neige« (Ein Abend im Schnee) zu ungemein poetischen Klängen. Doch handelt es sich hier nicht um eine »Winterreise«, sondern eine tragische Annäherung an den Tod. Das Einfrieren (zweiter Teil) und Fallen ins Bodenlose (dritter) wurde beinahe spürbar. Bei allem (oder trotz allem) standen solch tragischen Momenten hoffnungsfrohe entgegen. Das in den Psalmen enthaltene Glaubensbekenntnis erfuhr eine expressive Kraft, die man auch als jüdisches Bekenntnis zum Leben verstehen kann.

Dietrich Bonhoeffers Zeilen »Von guten Mächten wunderbar geborgen« haben es sogar ins Gesangbuch geschafft. Außer so bekannten Vertonungen wie von Joseph Gelineau oder Kurt Grahl gibt es noch zahlreiche weitere. In Heinz Werner Zimmermanns »Neujahrslied« wurde der Dresdner Kammerchor an der Orgel von Giljin Kirchhefer sowie von Daniel Díaz Dediasi (Kontrabaß) begleitet, womit Verlauf und Dramaturgie noch unterstrichen wurden. So stellte sich gerade in der dritten Strophe (»den schweren Kelch, den bittern des Leids«) die Unfaßbarkeit der Situation ganz besonders dar und weitete den Blick, lenkte ihn vom reinen Text wieder auf den größeren Zusammenhang und den Anlaß des Abends.

Insofern war Herman Berlinskis »Amen« ein überaus angemessener Abschluß. Anders als am Ende eines Gebets, wo ein Amen den Schluß bekräftigt, enthielt dieses Vielstimmige Amen noch Bitte, Verzagtheit, Forderung, Frage, Hoffnung …

10. November 2021, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Dresdner Kammerchores: Pumpenhausmusik #2, 23. November, 19:30 Uhr, Altes Pumpenhaus Dresden, Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann (Leitung), Katja Rogner (Rezitation), Werke von Heinrich Schütz, Orlando Gibbons,, Max Reger, Jacob Arcadelt und anderen

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s