Kein Konzert, aber eine CD

Ensemble Polyharmonique erzählt »Historia Nativitatis«

Der Termin war rot im Kalender angestrichen: am 29. Dezember wollte das Ensemble Polyharmonique gemeinsam mit der Cappella Sagittariana »Historia Nativitatis – Ein Weihnachtsoratorium nach Heinrich Schütz« aufführen. Im Oktober hatte Polyharmonique im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes die Heilig-Geist-Kirche mit Huldigungs- und Festmusiken erfüllt, auch Schütz‘ SWV 435 gab es beim HSMF schon zu erleben – viele gute Gründe für einen Besuch. Es soll nicht sein.

Glücklicherweise bzw. aus programmatischen Gründen hat das Ensemble das Programm bereits im November vor einem Jahr mit dem Kooperationspartner Deutschlandfunk Kultur auf CD gebannt. Die erschien pünktlich zur Adventszeit – ganz müssen wir also nicht auf das Erlebnis verzichten. Und da der Weihnachtskreis noch über den Dreikönigstag bis zum 2. Februar reicht, kommt unser CD-Tip heute noch nicht zu spät.

Heinrich Schütz‘ Weihnachtshistorie mit Texten nach Lukas und Matthäus ist in verschiedenen Fassungen überliefert. Basis der Aufnahme ist die sogenannte »Berliner Fassung« (SWV 435b), die heute als die endgültige angesehen wird. Dem festlichen Anlaß gemäß ist es ein »helles« oder lichtvolles Werk, was sich schon in den sechs Stimmen (SSATTB) niederschlägt. Es gibt also eine leichte Verschiebung zugunsten der höheren Stimmen. Hier werden sie einfach besetzt (Magdalena Harer und Joowan Chung, Alexander Schneider, Johannes Gaubitz und Sören Richter sowie Matthias Lutze). Schütz‘ Faszination liegt jedoch weniger in der hellen Nuance, die allein auf Dauer gewohnt würde, sondern in der Erzählweise, der Stimmführung von Solisten und Chor. Dabei treten italienische Anklänge zutage, besann sich der Komponist aber auch auf damals überlieferte Praktiken. Wie beim Evangelisten, den Schütz mit einer melodischen Stimmführung ausstattete, durch Melismatik und Betonung aufgewertet, so daß es manchmal an ein Accompagnato erinnert, ohne jedoch die Erzählerrolle abzulegen. Johannes Gaubitz beflügelt ihn mit leichtem Vibrato.

In puncto Klangideal bzw. -farbe oder Affekt ist eine überzeugende Aufnahme gelungen, auch wenn mitunter die Verständlichkeit, wenn das gesamte Ensemble agiert sowie in den Sopranen, ein wenig zu wünschen übrigläßt. Der sonst aber ungetrübte Eindruck rührt nicht zuletzt vom Instrumentalensemble um Martyna Pastuszka (Violine) her, das Violinen und Gamben vereint und mit Flöte sowie Dulzian effektvolle Szenen gestalten kann. Alexander Schneider (Primus inter pares) hat der Historia, die aus Rezitativen und Intermedia (geistlichen Konzerten) besteht, ganz wie zu Heinrich Schütz‘ Zeit üblich mit anderen Geistlichen Liedern und Motetten  zu ergänzen. Somit sind Schütz-Titel gar in der Minderzahl, doch bleibt die Historia, nun um Zeitgenossen des Sagittarius wie Michael Praetorius, Johann Eccard oder Andreas Hammerschmidt erweitert, im Zentrum. Deutlich sind die drei Teile (Advent und Mariä Verkündigung, Geburt Jesu und Anbetung der Hirten sowie Anbetung der Heiligen drei Könige und Flucht nach Ägypten) gefaßt, was an die Trennung in Abschnitte wie in den Kantaten Johann Sebastian Bachs erinnert (abschnittweises Hören ist also möglich), für den Beginn des zweiten haben Polyharmonique eine Sinfonia Johann Rosenmüllers ausgewählt. Auch daß der Text mitunter vom Deutschen ins Lateinische wechselt, wie im Benedicamus – Deo dicamus von Bartholomäus Gesius, stört weder den Ablauf noch unterbricht es den Fluß. So bleibt die Historia Nativitatis geschlossener als ein Programm allein mit Weihnachtsliedern.

Dezember 2021, Wolfram Quellmalz

Ensemble Polyharmonique »Historia Nativitatis – Ein Weihnachtsoratorium nach Heinrich Schütz«, nach Heinrich Schütz‘ Weihnachtshistorie SWV 435(b), um weitere Werke von Andreas Hammerschmidt, Johann Eccard, Melchior Franck, Samuel Scheidt und anderen ergänzt, erschienen bei CPO

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