Märchenerzählungen

Marie Jacquot und die Dresdner Philharmonie mit bilderreichen Werken

Am Sonnabend konnten immer wieder Harfen und Flöten im Kulturpalast brillieren. Mit Marie Jacquot kehrte eine Dirigentin nach Dresden zurück, die 2019 hier den Ernst-von-Schuch-Dirigentenpreis entgegennehmen durfte. Für ihr Konzert mit der Dresdner Philharmonie hatte sie Werke ausgewählt, denen Märchenerzählungen zugrunde lagen oder die zumindest von ihnen inspiriert waren.

Diese Inspiration nahm auch gerne den »Umweg« über die Bildenden Künste, wie in Claude Debussys »Prélude à l’après-midi d’un faune«. Marie Jacquot ließ das Stück aus der Ruhe erwachen, amalgamierte einen gediegenen Holzbläserchor und gewährte dem Faun vibrierende, etwas behäbige Sinnlichkeit, wenn nicht gar Wollust – mit meist kleinen Gesten und reichem Streichervibrato verstärkte sich die Deutungstiefe.

So oft man Debussys Stück hört, überrascht, daß es erst 1986, also relativ spät, erstmalig mit der Dresdner Philharmonie erklungen sein soll. Ganz neu im Programm am Sonnabend war allerdings  das Harfenkonzert C-Dur von François-Adrien Boieldieu. Dafür schmolz die Philharmonie zu einem kleinen Orchester im Format einer Hofkapelle zusammen. Marie-Pierre Langlamet, Soloharfenistin der Berliner Philharmoniker, und Marie Jacquot entzückten das Publikum mit Boieldieus unterhaltsamen Stück. Es verbirgt ebensowenig eine Nähe zum Klavier wie zur Oper – immer wieder folgt die Harfe einer Gesangsstimme, perlt zwar typisch, doch dem Komponisten war wohl der stimmliche Ausdruck wichtiger als eine herausgestellte Brillanz oder Virtuosität. Marie-Pierre Langlamet kam dem beflissen nach, was sie nicht hinderte, geradezu pianistische Passagen zu formulieren – oder war es umgekehrt? Musiktheoretisch zumindest haben sich die Pianisten das Arpeggio bei den Harfenisten abgehört.

Das reizvolle an Boieldieus Stück ist das muntere Gegenüber von silbrigen, geschmeidig begleiteten Harfen- und vielfarbigen Tuttipassagen mit kräftigen Hörnerstimmen. Dabei hielt Marie Jacquot nicht nur das Gleichgewicht, sondern schuf kleine dramatische Wendungen à la Beethoven oder Weber en miniature.

Als Zugabe wählte Marie-Pierre Langlamet noch eine Pretiose: Marcel Tourniers »Au matin«.

Nach der Pause durfte das Orchester (gefühlt) um ein Vielfaches wachsen. Nun waren alle Instrumentengruppen dichtbesetzt, Brahms oder Mahler käme nun, hätte man vermuten können. Doch auf dem Märchenprogramm stand die Sinfonische Dichtung »Scheherazade« von Nikolai Rimski-Korsakow. Der eröffnende Blechbläserchor durfte auch den Schluß einleiten, dazwischen erzählten immer wieder die Solovioline (Konzertmeisterin Heike Janicke) und das Holzbläserquartett die Szenen der Scheherazade. Die Harfe, nun doppelt vertreten (Nora Koch und Anna-Maria Forster) durfte bei der musikalischen Szenengestaltung nicht fehlen. Den zweiten, langsamen Satz spannte Marie Jacquot sehr, sehr kammermusikalisch zwischen den Soli auf, im Finale durften die Flöten (Kathrin Bäz und Claudia Rose) gar die Oberhand über die Blechbläser behalten, als sie auf deren Wellenkämmen zu schaukeln schienen.

13. März 2022, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Wochenende (Freitag und Sonnabend, 19:30 Uhr) auf dem Programm der Dresdner Philharmonie: Werke von Donghoon Shin, Sergej Rachmaninow, Anatoli Ljadow und Maurice Ravel, mit Tung-Chieh Chuang (Leitung) und Boris Giltburg (Klavier), Weitere Informationen unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de

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