Selten ist neues so erfrischend!

London Philharmonic Orchestra spielte unter der Leitung des Komponisten Werke von Thomas Adès

Aufträge an Künstler sind immer ein wenig unwägbar. Schließlich kann man nicht – wie beim Kauf eines Hauses – das Ergebnis vorab definieren, sondern muß dem Akteur seine Freiheit lassen. So ist es auch in der Musik – Auftragswerke können schlimmstenfalls »schiefgehen«, enttäuschen. Den Dresdner Musikfestspielen gelang in diesem Jahr jedoch das, was man einen »großen Wurf« nennen darf: Am Montag feierte das Publikum den Dirigenten und Komponisten Thomas Adès und das London Philharmonic Orchestra im Kulturpalast, und das vor allem nach und für über eine Stunde zeitgenössischer Musik.

Thomas Adès hat Ballette und Opern geschrieben, was man noch seinen instrumentalen Werken anmerkt, weil sie atmosphärisch einer konkreten Stimmung oder einem Narrativ folgen, episodisch, in Szenen ablaufen. »The Tempest«, die Uraufführung und das Auftragswerk des Abends, ist eine aus der gleichnamigen Oper des Komponisten gewonnene Suite, oder vielleicht eine Sinfonie, wie Adès im Gespräch danach erwog. Formal der Handlung enthoben, wirkten die Bilder der Musik dennoch ungemein suggestiv. So entfesselt der »Sturm« des Beginns (Ouvertüre) nicht nur Chaos, sondern folgt sich kreuzenden Strömungen von Wellenbergen – also keineswegs nur »chaotisch«.

Im Gegenteil: Adès‘ Musik ist wohlorganisiert und dosiert. Er teilt die Instrumente nicht allein in Streicher, Holz- und Blechbläser, er setzt sie in immer neuen Gruppen zusammen. Dann schweigen zum Beispiel die hohen Streicher, während Celli allein für eine mysteriöse, dunkle Stimmung sorgen. Eine schiere Tutti-Übersteigerung gibt es praktisch nicht – eine Lesart, die später noch den Dirigenten Thomas Adès auszeichnete. »The Tempest« offenbarte aber auch quicklebendige Elemente und zeichnete im vierten Satz (Festmahl) eine Zauberwelt der Klänge nach, berauschte geradezu mit harmonisch schönen (wiewohl nie langweiligen) Passagen.

»The Tempest« sei für ihn eher ein magischer Sturm als ein Unwetter, verriet der Komponist nach der Uraufführung. Er hatte sich spontan für ein Gespräch mit Intendant Jan Vogler bereitgefunden, welches dieser nur leider (entgegen der Ankündigung) kaum übersetzte. Dem allein auf englisch zu folgen hängte leider manche Zuhörer ab.

Mit dem folgenden Stück waren sie aber wieder »dran«: »In Seven Days« (auf die Erschaffung der Welt bezogen), noch einmal Thomas Adès. »Für Klavier und Orchester« verzichtet es auf Bezeichnungen wie »Konzert«. Es war nicht weniger beeindruckend als die Uraufführung, bestürmt Ohren und Imagination mit phantastischen Klängen, Strömen, Wogen … Immer wieder führt Adès fallende, sich wiederholende Figuren zu einer Art Klangsynthese, einem Perpetuum mobile mit markanten Holzbläser – wieder werden die Gruppen bis ins Piccolo und den Diskant auf dem Klavier oder im Schlagwerk aufgefächert. Nicolas Hodges, der das Stück 2008 uraufgeführt hatte, war kurzfristig für den erkrankten Víkingur Ólafsson eingesprungen. Sein Umgang mit dem Stück verriet nicht nur Kennerschaft, sondern – bis in die Arabesken des Klavierparts – Freude am Werk. Funkelnd verging es schließlich. Ein überwiegend begeistertes Publikum nach zwei großen Werken zeitgenössischer Musik – was für ein Erfolg!

Die differenzierte Sichtweise Thomas Adès‘ zeigte sich nach der Pause auch in Peter Tschaikowskis vierter Sinfonie. Ausgewogen und schlank blieb die Interpretation, was die Nähe zur Ballettmusik (welche Adès ebenso kennt) betonte, wie im ersten Satz mit seinen Bläsersoli und Pauken, die sonst leicht zuckrig werden. Somit setzte das London Philharmonic Orchestra dezidierte Akzente, statt überwältigend pompös zu werden, was Orchester aber nicht hinderte, im letzten Satz eine »Rakete« zu zünden.

31. Mai 2022, Wolfram Quellmalz

Zum Nachhören: Thomas Adès »In Seven Days« für Klavier & Orchester und weiteren Werken, Kirill Gerstein (Klavier), Thomas Adès (Leitung, Klavier), Tanglewood Festival Orchestra, erschienen bei Myrios

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