Träume leben, Träume demontieren

Landesbühnen Sachsen bringen Leonard Bernsteins Klassiker »West Side Story« auf die Felsenbühne Rathen

Eine amerikanische Fassung von »Romeo und Julia« ist die »West Side Story« ebensowenig wie sie sich eindeutig als Musical einordnen läßt. Für den Broadway gedacht, sollten dafür – auf Wunsch des Komponisten – keine ausgebildeten Opernsänger mitwirken. Sie wären zu professionell, würden erfahren wirken und der jugendlichen Frische nicht entsprechen, so Leonard Bernstein. Der Regisseur und Choreograph Jerome Robbins (Idee), der Textdichter Stephen Sonderheim, Leonard Bernstein und ihr Team schufen so etwas ganz neues, einzigartiges, zwischen Oper, Musical und Ballett – vermutlich liegt in der gelungenen Melange ein Teil des Erfolgs begründet. Ein anderer in der Authentizität – der Vergleich mit »Romeo und Julia« hält nur stand, so lang man die Liebe zwischen einem Jungen und einem Mädchen, deren soziale Gruppen verfeindet sind, als Folie benutzt. Sonst ist alles anders, Robbins, Sonderheim und Bernstein haben nicht nur die Namen den Verhältnissen angepaßt und die Handlungsebenen nach Amerika verlegt.

Tony und Maria verlieben sich ineinander, gehören aber unterschiedlichen New Yorker Gangs an. Die liefern sich einen erbitterten Kampf – nicht um New York, sondern um lediglich eine Straße (bzw. ein begrenztes Viertel). Für einen offenen Austausch, Diskurs, Toleranz oder gar Liebe ist da kein Platz. Für Vernunft auch nicht – Ladenbesitzer Doc versucht mehrfach, die Jugendlichen zu beschwichtigen – es nützt nichts. Der Zweikampf verschärft sich, eskaliert schließlich, woran Polizisten ihren Anteil haben.

Photo: Landesbühnen Sachsen, © Martin Förster

Tony sieht die Sinnlosigkeit des Territorialkampfes ein, ersucht, seine »Jets« davon abzubringen. Doch in seinem Verliebtsein fällt er quasi aus der Rolle – ist er noch realitätsnah, vertrauenswürdig? Den Bandenkrieg, für den ein Zweikampf zwischen Jets und Sharks ausgehandelt war, kann er nicht verhindern. Mehr noch: Bernardo, der Anführer der Sharks und Bruder von Maria, provoziert ihn – und stirbt durch Tonys Hand.

Für Romantik bleibt da wenig Platz, allenfalls Momente sind Tony und Maria (am Premierenwochenende Jannik Harneit und Anna Langner) gegönnt, denen Leonard Bernstein eine herausgehobene Musik geschenkt hat. Der Komponist wußte um soziale Brennpunkte und setzte sie in seinen Werken um (man denke nur an »Trouble in Tahiti«, Teil der »Inselzauber«- Inszenierung der Landesbühnen). Eine solche Fokussierung wird auf der Felsenbühne Rathen aber nicht deutlich. Man muß schon genau hinsehen, mitlesen, reflektieren, wie die Werbung im Bühnenbild (»Live Your Dreams«, »There’s no way like the Amercan Way«) dem widerspricht, was passiert: die südamerikanischen Einwanderer werden nicht nur von den »Amerikanern« (die Nachfahren Europäischer Einwanderer sind) bitter bekämpft, sie sind Menschen zweiter Klasse. Die Inszenierung von Manuel Schöbel (Bühnenbild: Ralph Zeger, Kostüme: Marlit Mosler) nimmt solche Gegensätze auf, entlarvt das Viertel, um das gekämpft wird, mit Klettergerüst und Drehteller als Spielplatz (für große Kinder), bindet aber auch den Kitsch einer aufblasbaren Freiheitsstatue ein. Kleiderpuppen, die immer wieder herumgetragen und anders aufgestellt werden, taugen allenfalls für Symbolgehalt. Und wenn die Gangs der »Halbstarken« agieren, verkommen manche Aktionen zu Slapstick. Das ist zwar grundsätzlich richtig beobachtet, wirkt aber eher unterhaltsam denn (sozial) kritisch. Wobei man der Inszenierung wiederum gerade das zugute halten kann: sie greift aktuelle Verwerfungen und Debatten nicht zwanghaft auf, sondern bleibt in Zeit und Thema bei dem, was die West Side Story originär erzählt.

Mit vielen Gästen, Sängern und Tänzern, wird dies gestaltet, allerdings würde man sich die Figuren leidenschaftlicher wünschen. Die deutsche Übersetzung erleichtert den Zugang zum Geschehen, man merkt, daß oft mehr dahintersteckt: »Tonight«, einer der bekannten Hits des Stückes, erzählt nicht von einem bevorstehenden Abenteuer, sondern geht dem Bandenkrieg und der Eskalation voraus. Andere Texte scheinen in der Übersetzung jedoch verharmlost, wenn nicht banal (Maria: »Ich seh‘ gut aus« / »I feel pretty«). Und ohne Musik gesprochen reißt hier und da der Spannungsfaden.

Photo: Landesbühnen Sachsen, © Martin Förster

Die Besetzung ist flexibel (einige Sänger wechseln die Rollen zwischen Vorstellungen) und gewinnt, weil neben Hauptakteuren wie Riff (Dennis Weissert), Bernardo (Malcolm Henry) oder Anita (Lea Gordin) auch Nebenrollen wie Graziella (Lena Beltermann) und Consuela (Veronika de Vries), Anybodys (Tammy Girke) oder der Tanzlehrer Gladhand (Tuan Ly) immer wieder für Farbtupfer sorgen.

Hans-Peter Preu gelingt durchweg eine konzise musikalische Leitung. Die Elbland Philharmonie Sachsen sitzt seitlich der Bühne, das Geschehen passiert im Rücken des Dirigenten – die Konstellation ist deutlich unpraktischer als in einem Opernhaus mit Bühne und Orchestergraben, von der Mikrophontechnik ganz abgesehen. Stark und schwungvoll gelingen die getanzten Szenen (Choreographie: Marc Bollmeyer), wobei hier oft Tanz = Kampf gilt. Manches, wie die Darstellung der Jet-Boys, die Officer Krupke (Renat Safiullin) »hochnehmen«, gelingt als geniale Broadway-Einlage.

Photo: Landesbühnen Sachsen, © Martin Förster

26. Juni 2022, Wolfram Quellmalz

Heute wieder: Leonard Bernstein »West Side Story«, Felsenbühne Rathen, weitere Vorstellungen bis 10. Juli, Beginn jeweils 19:30 Uhr, weitere Informationen unter: http://www.landesbuehnen-sachsen.de

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