Was für Töne!

Handglockenchor Gotha beim weihnachtlichen Orgelkonzert in der Dresdner Kreuzkirche

Das ist das schöne an »normalen Zeiten« – wenn manches »wie immer« ist, wird es trotzdem anders, weil das Immerwährende den Wandel einschließt. Am Mittwoch fand die Reihe des Dresdner Orgelzyklus‘ ihre Fortsetzung und gleichzeitig den Jahresabschluß – wie gewohnt mit einem Konzert im Format »Orgel plus« in der Kreuzkirche. Ebenso wie immer gab es hier das »Gespräch unter der Stehlampe«, Beginn 19:19 Uhr. Statt der üblichen neunzehn Minuten dauerte es diesmal deutlich länger. Und das lag zunächst an der Skepsis von Kreuzkirchenorganist Holger Gehring, der zugab, sich gar nicht vorstellen zu können, wie ein Handglockenchor »funktioniere«. Als Organist ist er schließlich gewohnt, vier Stimmen gleichzeitig zu spielen – was, wenn beim Glockenchor eine Stimme auf verschiedene Spieler aufgeteilt wird? Chorleiter Matthias Eichhorn erläuterte dies ausführlich und hob die Vorteile des Ensembles heraus, in dem Anfänger gemeinsam mit Erfahrenen spielen könnten – in einem Posaunenchor wie jedem anderen Instrumentalensemble unvorstellbar! Die Neulinge übernähmen zunächst einzelne Glocken und bekämen ihre Noten gegebenenfalls mit Farbstift markiert. Außerdem ist der Handglockenchor gerade für Jugendliche besonders »cool«: Erstens macht es sonst keiner, zweitens muß man es zu Hause nicht üben – weil man es nicht kann, denn es geht nur gemeinsam in der Gruppe.

Photo: Handglockenchor Gotha, © Tino Sieland

Die Tradition stammt übrigens aus England, wo die Handglocken zunächst zur Übung dienten, bevor die Turmgeläute bedient wurden. Richtig »groß« wurden sie als Chöre dann in den USA, wo es heute an die 70.000 (!) Ensembles gibt. Zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa 40, in den neuen Bundesländern nur drei. Matthias Eichhorn scheint ein äußerst engagierter Chorleiter zu sein, der viele Menschen erreicht, wie alle (!) Schüler der 3. und 4. Klassen an Partnerschulen. Insgesamt kann er auf etwa 180 Spielerinnen und Spieler sämtlicher Altersgruppen zählen.

Nach Dresden kamen fünfzehn von ihnen. Ihr Repertoire war überwiegend amerikanisch – der Herkunft wegen. Doch die Herkunft der Stücke blieb dennoch oft europäisch. Das Arrangement eines Rondeaus von Georg Philipp Telemann zählte ebenso dazu wie traditionelle Titel. »Greensleeves« kennt schließlich jeder, bei »Amazing Grace« wartet man geradezu auf das Einsetzen der Dudelsäcke. Apropos: die Handglocken überraschten gleich einmal mit ihren Tönen und Klängen. Wer dachte, er hörte ein auf viele Menschen verteiltes Geläut, wurde schon im ersten Stück überrascht, denn Glocken kann man nicht nur anschlagen, sondern ebenso mit einem Bogen anstreichen. Neben perkussiven Klängen oder gedämpften Glockenschlägen gab es also eine Art »Streicherklang«, mehrfach staunte man über die wundersamen Töne bis hin zu einem Rieseln, einer Art Zauberstabeffekt – nicht elektronisch verändert, sondern per Hand erzeugt. Und wenn man die Glocken sanft auf den mit einem Tuch ausgelegten Tisch schlägt, klingt es, als fiele ein Tropfen!

Die Möglichkeiten der Klänge sind also vielfältig, die amerikanischen Arrangements klangen manchmal (»Savior of the Nations, Come« nach unserem »Nun komm, der Heiden Heiland«) etwas esoterisch, was aber letztlich Geschmackssache ist. Auch in der Ausgewogenheit und Synchronität war die Darbietung beeindruckend und fand einen großen Widerhall beim erstaunlich großen Publikum.

Holger Gehring beteiligte sich am »Glockenspiel« mit zwei Stücken für Orgel, die sich auf Glockenspiele beziehen. Neben Louis Viernes berühmten Carillon de Westminster spielte er das Präludium und Fuge über die Töne des Glockengeläutes der Kreuzkirche zu Dresden von Oskar Wermann, Kreuzkantor von 1876 bis 1906.

Organist und Handglockenchor verabschiedeten sich gemeinsam mit einem Titel nach Samuel Sebastian Wesley und Loys Bourgeois. Für »The Church’s One Foundation« (Phantasie über »Die Kirche steht gegründet« und »Herr Gott, dich loben alle wir«) mußten sie – ähnlich wie beim Gemeindegesang – spontan über die Entfernung von Orgelempore und Altarraum zusammenfinden. Da beide Seiten sozusagen aus Erfahrung flexibel sind, gelang ihnen das »spielend«.

1. Dezember 2022, Wolfram Quellmalz

Der Dresdner Orgelzyklus beginnt im kommenden Jahr mit einem Konzert im Kulturpalast (Orgel und Schlagzeug am 1. Februar). In der Kreuzkirche wird Holger Gehring zwei Wochen später Jubilare des Jahres vereinen. Noch in diesem Jahr gibt es Orgelmusik in der Kreuzkirche: am Sonntag spielt Anna-Victoria Baltrusch (Halle) Weihnachtliche, am Silvestertag findet nach zwei Jahren Pause wieder die traditionelle Festmusik für Orgel, Pauken und Trompeten statt.

handglockenchor-gotha.de

http://www.kreuzkirche-dresden.de

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